Die erste Arbeitswoche

November 21, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Als ich nach meiner 24 Stunden langen Busreise von Kundapura nach Ambattur (Chennai) meine Sachen anschaue, hat sich über alles ein leichter Kaki-Schleier gelegt (Kaki ist übrigens Tamil und heißt braun). Nach einer längeren Irrfahrt durch die Gassen der Vorstätte von Chennai komme ich schließlich an meiner neuen Arbeitsstelle an.

Unser Wohnhaus und PLANT-India-Büro

Im ersten Stock des Hauses wohnt meine Gastfamilie, während im Erdgeschoss die Büroräume von PLANT-India sind. John, mein Hausvater und Chef führt mich durch die Büroräume hindurch und zeigt mir ein Zimmer, das dahinter liegt. Darin stapeln sich massenweise Dokumente und anderer Krempel. Das hier wird dein Zimmer, das räumen wir heute noch für dich aus. Ich bin einverstanden, da das Zimmer doch überraschend geräumig ist,  Jein Bett, ein Schreibtisch, Licht und einen Ventilator besitzt. Doch da das Zimmer bis auf weiteres unbewohnbar ist, bietet mir John sein Bett an und dieses Angebot nahme ich dankend an, nachdem ich mich ausführlich unter der Dusche von Kaki-Staub befreit habe.
Die ersten drei Tage an der neuen Arbeit laufen sehr, sehr langsam an und so beschäftige ich mich damit, Tamil-Vokabeln zu lernen, Emails nach Hause zu schreiben und Zeit mit der Famile zu verbringen. Meine Gasteltern haben zwei Söhne (12 und 15 Jahre), die beide kleine Tausendsasser sind, Musik machen, malen, beide mehrere Sportarten beherrschen, sich mit Computern auskennen und auswendig Michael Jackson-Choreographien vortanzen können. Von letzterem bin ich so begeistert, dass ich mich sogar überreden lasse mitzutanzen und wir hüpfen zu dritt durchs Wohnzimmer. Mit traditionellem indischen Tanz hat das allerdings nicht so viel zu tun.
In diesen Tagen lerne ich aus drei verschiedenen unabhängigen Quellen Erstaunliches über die Tradition und Geschichte Indiens. Meine Gastmutter, ein Schulleiter um die Ecke und das Schulbuch eines der Söhne berichten, dass etwa 2000 Jahre vor Christus „Arier“ über eine Himalaya-Passage nach Indien gekommen sein und mit ihren Schriften (Vedas und Upanishaden) eine neue Ära eingeleitet hätten. Man sagt allerdings auch (das steht nicht im Schulbuch), dass diese Arier ihre Vorherrschaft und Elite-Stellung durch die Einführung des Kastensystems versucht haben sicherzustellen, das es zuvor in Indien nicht gegeben habe und eigentlich ganz un-indisch sei. Es geht sogar die Sage, dass diese Arier Juden gewesen sein, was für mich dann doch etwas befremdlich klingt. Ich nehme mir vor, bei Gelegenheit noch andere Inder danach zu fragen.

Gegen Ende der Woche geht es dann doch langsam mit meiner eigentlichen Arbeit los. Unter anderem begleite ich das Team zu einem Treffen der Groß-Fischer aus der Region Chennai, das sie mit organisieren. Der Leiter erklärt mir, das sei eines der letzten basisdemokratischen Arten von Treffen in Indien, da es auch nicht mehr so viele Gemeingüter gibt, sondern das meiste privatisiert worden sei. Wie ich später erfahre, liegt genau hier das Problem: Da das Meer mit seinen Fischen ein Gemeingut ist, schert sich auch keiner wirklich darum, diesen Lebensraum langfristig zu erhalten. Besonders die Fischer mit den großen Netzen, die einfach alles vom Meeresboden schürfen, interessiert es eher wenig, dass die Küstenregion für die Fischer mit kleineren Booten weiter von Fischen bewohnt werden kann, die sie fischen können. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich von dem Problem allerdings noch nichts und verstehe auch nicht, worum es innerhaltlich genau geht, da alle Beteiligten ausschließlich Tamil sprechen.

Fischerdorf und Müllentsorgung

Nachdem ich einige Berichte von PLANT studiert habe, bin ich schlauer und weiß nun auch, was diese Organisation tut: Sie betreibt gleichzeitig Forschung (hauptsächlich zum Ökosystem der Küsten vor Ort), implementiert Maßnahmen zur Lösung von Problemen, die sich daraus ergeben (z.B. künstliche Riffs als Lebensräume für Zooplankton) und geben dieses praktische Wissen wieder zurück zu den Menschen (vor allem den Benachteiligten in der Region). Dies ist also wesentlich angewandtere Forschung als man es an der Uni je haben könnte: Feldbesuche vor Ort machen, mit Hilfe von Wissenschaft und traditionellem Wissen der Leute vor Ort Lösungen entwickeln und diese dann umsetzen. Inhaltlich will sich PLANT allerdings nicht so richtig festlegen. Sie sind im Bereich Ökologie aktiv, beiteiligen sich aber auch am Aufbau von Kleinunternehmen, AIDS-Aufklärungsprojekten, Kinderheimen und Öko-Tourismus. Als ich meinem Chef sage, das sei schwer zu kommunizieren, weil man das Gefühl bekomme, die Organisation wisse nicht so richtig, was sie will, hält er mir entgegen, sie hätten eben einen ganzheitlichen Ansatz. Das Argument überzeugt mich zwar nicht völlig, aber es macht mich nachdenklich.

Treffen der Fischer

Am Wochenende brechen wir mit der Familie zu einer zweitägigen Pilgerreise zu einer 300 km entfernten Basilika auf (so weit ich verstanden habe, haben die Protugiesen die Basilika gebaut), die Mutter und die Kinder sind nämlich katholisch. Obwohl der Glaube der katholischen Kirche auf der ganzen Welt mehr oder weniger vereinheitlicht ist, sind mir einige der Traditionen fast so fern wie Indien. Während sich die beiden Jungs rituell die Haare scheren lassen und zusammen mit der Mutter der Prozession mit dem heiligen Schrein folgen, unterhalte ich mich wunderbar mit dem protestantischen Vater, der übrigens eine sehr, sehr interessante Geschichte hat, die ihn schießlich zur Gründung von FSL-India brachte. Aber davon werde ich später berichten. Als wir am Abend dann von der Basilika mit all dem Trubel drumherum aufbrechen und ich meinen Blick noch einmal über den Platz schweifen lassen, fällt meine Aufmerksamkeit auf ein großes Banner mit dem Papst: Außer mir der einzige Europäer, geschweige denn Deutscher auf dem Platz.

Your cut-hair will not be given back

Auf der Rückfahrt überlege ich ernsthaft, ob ich die Familie dazu erziehen soll, ihre Sitzgurte zu verwenden – sie wissen mit diesen Dingern offensichtlich überhaupt nichts anzufangen. Oder ist das übertriebener Sicherheits-Missionseifer? Schließlich erreicht man in Indien selbst auf der Autobahn eine Spitzengeschwindigkeit von nicht mehr als 90 km/h. Für den nächsten Blogeintrag sollte ich den indischen Straßenverkehr genauer unter die Lupe nehmen, der wirklich faszinierend ist, und mal auf die Unfallstatistik schauen.
Nun geht es aber erst mal in eine neue Woche voller interessanter Arbeit.

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