Wissens-Diebstahl und hier muss ein Campingplatz hin!

Dezember 11, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Mir kommt es fast vor als hätten meine Arbeitskollegen hier meinen Blog gelesen (kann aber gar nicht sein, weil sie kein Deutsch verstehen). jedenfalls passiert das, was ich bis dahin für unmöglich gehalten habe, auf den großen Whiteboard in unserem Büro wird ein Plan mit sämtlichen Terminen für Dezember erstellt! ein PLAN! Und der zeigt, dass in nächster Zeit einige Projekte anstehen, jetzt gehts also endlich richtig los. Wie es aussieht, werde ich nun bis Weihnachten kaum in unserem Büro sein, sondern irgendwo unterwegs. Gerade hatte ich mich mit dem Gedanken angefreundet, genug Zeit zu haben, um meine Masterarbeit für den Verlag umzuarbeiten und mir Tutorials über web development im Internet zu Gemüte zu führen. Nun werde ich die nächsten Woche wohl doch in Indien statt im Internet verbringen.

Arbeitsplan auf dem Whiteboard im Büro

Wir fahren auf einem See, aber das Wasser, das durch ein komisches Loch im Boden des Boots kommt, schmeckt salzig. Das liegt daran, erklärt mir mein Kollege, dass das Wasser, das im See ist, aus dem Meer eingespült wird. Es ist ein sogenannter „backwater-lake“. Diese Region rund um den Ort Pulicat, ca. eine Fahrstunde nördlich von chennai, wurde von der Regierung offiziell als touristisch attraktives Gebiet eingestuft, aber touristen findet man hier nur sehr vereinzelt. Wenn, dann sind es Inder aus den umliegenden Städten. Aber bei unserem Besuch auf der Landzunge (siehe Karte) ist mir mit beim ersten Anblick klar: Dies ist der perfekte Campingplatz! Schwester Myriam, die ich von zu Hause in Deutschland kenne und die in diesen Tagen auch gerade in Chennai ist, hat unabhängig von mir direkt den gleichen Eindruck. Direkt bitte ich meine Kollegen, mir zu zeigen, wie man einen Projektvorschlag verfasst, um den Leuten in Pulicat als neue Einkommensquelle einen Campingplatz zu eröffnen – natürlich nach ökologischen Standards. Eco Tourism eben. Also, was braucht man für einen Campingplatz? Hauptsächlich wohl irgendeine Frischwasser-Versorung, ein Klo und ein paar Bäume für Schatten (die gibts da noch nicht). Bei effektiver Werbung können die Einwohner der umliegenden Dörfer dann bald anfangen, ein paar Restaurants und einen Laden für Campingausrüstung aufzumachen. Oder bin ich zu optimistisch?

Landzunge zwischen See und Meer und Wasserverbindung zwischen beiden

Der Ausflug ist nicht nur sehr schön und erholsam, er ist auch sehr nützlich. Schwester Myriam vermittelt uns einige sehr gute Adressen von Freunden in Indien, die an ähnlichen Projekten arbeiten wie wir, eine potentielle Haushaltsgehilfin und einen Ort, wo die Jungs aus meiner Gastfamilie Tischtennis spielen können.

Auf der Rückfahrt von dem inspirierenden Trip zum Pulicat Lake erzählt John vom „traditional knowledge register“, an dem auch PLANT-India teilnimmt. Seit einigen Jahrzehnten war es anscheinend gängige Praxis, dass Unternehmen aus reichen westlichen Staaten durch die indischen Dörfer gestreift sind und das traditionelle Wissen dokumentiert haben, um es danach als eigenes Patent anzumelden. Dagegen wehrt sich die Indische Regierung jetzt (leider viel zu spät) auf eine sehr clevere Weise: Sie schickt selbst Leute los, die das vorhandene traditionelle Wissen dokumentieren und als Gemeinschaftswissen patentieren und so vorzubeugen, dass der indischen Bevölkerung noch weiter ihr Recht entzogen wird, ihre eigenen traditionellen Praktiken auszuüben. Zu diesem Zweck sollen das schon bestehende „Traditional Knowledge Digital Library“  und das „People’s Biodiversity Register“ vereinigt und erweitert werden. vorerst besteht die Beteiligung von PLANT dabei aber nur darin, dass ein Kollege bei einem Meeting dabei ist. Nachdem ich von dem Projekt gehört habe, schwärme ich meinen Kollegen vor: Stellt euch vor, wie genial das ist, wenn jeder Zugang zu sämtlichem existierenden traditionellem Wissen hätte! Die Sollen einfach ein Wiki machen! Nach einem genaueren Blick in die Agenda des Projektes stelle ich aber schnell fest, dass das ganze nicht frei zugänglich sein soll, sondern nur für Mitglieder aufrufbar. Warum?? Vielleicht ergibt sich ja demnächst eine Möglichkeit, den Verantwortlichen ins Gewissen zu reden, das halte ich aber für ziemlich unwahrscheinlich.

UPDATE, 4.1.2012:

Das Thema Datenbanken zum Schutz traditionellen Wissens hat es heute doch glatt auf die Titelseite der TIMES OF INDIA geschafft...

An unserem Haus hängt jetzt in der Adventszeit auch ein von innen beleuchteter Weihnachtsstern, der ein bisschen aussieht wie der Herrnhuter Stern. Ich frage mich, ob sich tatsächlich der Papierstern, den die kleine deutsche Gemeinde Herrnhut einstmals hergestellt hat, derart über die ganze Welt verbreitet hat oder ob ein von innen beleuchteter Papierstern einfach ein so allgemeines Sysmbol ist, dass das miteinander nichts zu tun hat. In Indien kann man in dieser Zeit jedenfalls alle christlichen Häuser leicht daran erkennen, dass an ihnen am Abend ein großer Papierstern leuchtet.

Weihnachtsstern

Handies, Autos und Zeitgefühl

Dezember 1, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Eigentlich bin ich unter anderem genau dafür hergekommen: Ein anderes Zeit- und Lebensgefühl entdecken. Nun sehne ich mich nach Kalendern mit Terminen drin, nach Fahrplänen, nach Stadtkarten, nach einheitlichen Ortsnamen, einer einheitlichen Rechtschreibung, danach dass ein Ja ein Ja ist und eine Nein ein Nein. All das würde mir irgendwie helfen, frei und unabhängig meine Umgebung zu erkunden. Aber halt: Die Terminkalender und all die Regeln sind doch eigentlich das, was einen in Deutschland so unfrei fühlen lässt? Ich sitze zwischen den Stühlen, aber für den Moment ist es
da eigentlich sehr interessant.

Worauf diese Einleitung hauptsächlich abzielt: Die „Arbeit“ in meinem Projekt hat immer noch nicht so richtig angefangen und es ist mir auch derzeit etwas unklar, wann es denn so richtig losgeht. Die letzten zwei Tagen waren wir mit dem PLANT-Team zwar auf Achse für unser Projekt, aber das sah beide male etwa so aus: Drei Stunden Anfahrt zu einem Auswärts-Termin, ein vorzügliches Essen, dann etwa 1 Stunde mit freundschaftlichen Gesprächen oder mit Warten auf die wesentlichen Personen verbringen, danach etwa 30 Minuten Gespräch über das Projekt und wieder 3 Stunden zurückfahren. Und während der gesamten Zeit hat niemals irgend jemand sich beschwert, über den zähen verkehr oder darüber, dass man auf andere Leute warten muss oder über irgendetwas anderes. Warum auch? Es gibt ja keinen festen Plan, der durchkreuzt würde. Und trotzdem schafft es das PLANT-Team, eine riesige Menge an Projekten umzusetzen – und das mit mehrfach offiziell ausgezeichnetem Erfolg. Hier bleibt also noch ein Geheimnis zu lüften. Meine erste Vermutung ist: Hier wird vermutlich die meiste Arbeit einfach übers Mobiltelefon erledigt. Alle drei Minuten klingelt das Handy von einem der drei PLANT-ler mit denen ich hier derzeit zusammenarbeite. Da das alles auf Tamil ist, kann ich leider nicht verstehen, was sie sagen, aber es hört sich immer nach einem freundlichen, unverbindlichen und meist recht kurzem Plausch an. Es könnte aber sein, dass sie in dieser sehr komplakten und pragmatischen Sprache in Kürze all die nötigen Anweisungen geben, die für das Laufen der Projekte notwendig sind.

Das Mobiltelefon hat Indien vor etwa zehn Jahren ziemlich umgekrempelt, vor allem, weil sich auf einmal jeder bei jedem informieren konnte, welche Preise er für ein angebotenes Gut zahlen würde und man nicht länger davon abhängig ist, seine Waren an den nächst gelegenden Händler zu seinen Preisen zu verkaufen. Die Telefonkabel werden hier eigentlich nur noch für Internet genutzt, da Telefonieren über Handy hier nur einen Bruchteil eines Rupees kostet.

Der IT-Sektor hat hier, ezählt mir einer meiner Kollegen, ein gesamtes neues Berufsfeld geschaffen: Arbeiten im Callcenter. Da der Arbeitslohn in Indien bekanntermaßen wesentlich niedriger ist als in Europa, haben viele IT-Firmen ihre Beratungshotlines nach Indien verlegt. Aber, so fährt er fort, das hat auch ein Problem mit sich gebracht: Die Callcenter-Mitarbeiter müssen meistens nachts arbeiten, das ist schlecht für die Familen. Warum müssen die nachts arbeiten? will ich wissen. Wegen der Zeitverschiebung! Unmittelbar fühle ich eine Extraportion Empathie – auch ich muss hier regelmäßig Nachtschichten einlegen, um nach Hause telefonieren zu können und gehe dabei regelmäßig meinem Mitbewohner auf die Nerven.

Auf den stundenlangen Autofahrten habe ich Zeit, mir die schier nicht endende Anreihung von Häusern, Hütten, Protzbauten, Unterständen und sonstige Bewohnungen anzuschauen, die nur gelegentlich durch sumpfähnliche Seen unterbrochen werden, in denen sich Wasserbüffel zu Hause fühlen. Eigentlich weiß man (oder ich zumindest) nie so richtig, wann hier eine Stadt aufhört und die nächste anfängt. Ich atme auf, als ich nach zwei Stunden Autofahrt von Ferne einen Wald sehe und mache sofort mehrere Fotos mit meiner viel beanspruchten point-and-shoot-Kamera, auf denen aber im Grunde nichts besonderes zu sehen ist. Die wirklich besonderen Bilder lassen sich im vorbeifahren nur sehr schwer einfangen. Zum Beispiel ist hier fast alles bemalt. Die Autos, die Boote, die Hauswände, die Grundstücksmauern, und teilweise auch der Boden: Viele Inder pflegen die Tradition, jeden Morgen eine Art Mandala auf den Gehweg vor ihrem Hauseingang zu malen – je besser die Stimmung, desto größer und schöner.

bemalte boote

Eine Aufschrift, die mit viel Liebe auf so gut wie jeden LKW und jeden Bus gemalt ist, ist „SOUND HORN“, also auf Deutsch in etwa „Bitte hupen“. Und in der Tat ist die Hupe an einem Indischen Auto etwa genau so wichtig wie das Lenkrad, manchmal auch ein bisschen wichtiger. Aber auch mir geht es so, dass man einzelne Autos in dem Gewusel und dem hohen Geräuschpegel sonst einfach nicht wahrnehmen würde (Anmerkung am Rande: Wegen dem hohen Grundgeräuschpegel sind hier in Indien auch die Mobiltelefone alle dreimal so laut wie in Europa, weil man sie sonst einfach überhören würde). Dazu kommt, dass es schier nicht vorherzusehen ist, wo als nächstes welches Gefährt auftaucht, um die den Weg zu schneiden. Wenn eine Straße in Indien durch einen weißen Streifen in zwei Spuren eingeteilt ist, heißt das, dass es dort praktisch etwa vier Spuren gibt. Schnell findet man heraus, warum die Außenspiegel an den meisten Autos eingeklappt sind: Der Abstand zwischen den „Spuren“ ist hier in etwa die Dicke der Zeitung von gestern. Als ich eine heute veröffentlichte Pressemitteilung lese, beschließe ich, dass es doch einen Versuch wert ist, meine Familie zum Anschnallen zu erziehen: Indien ist der traurige Spitzenreiter in Sachen Verkehrstoten (100.000 pro Jahr). „Verkehrsunfälle fordern mehr Todesopfer als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen, berichtet die BBC.“ Und: „Derzeit sind in Indien ein Fahrkurs und eine Prüfung zum Erwerb eines Führerscheins nicht nötig: Wer einen Führerschein braucht, kauft ihn. Stichproben unter LKW-Fahrern ergaben, dass die meisten die Verkehrsschilder und ihre Bedeutung nicht kennen.“

SOUND HORN (hier natürlich gerade verdeckt, weil ich es fotografieren will...)

An einem Abend, an dem ich mich diese Woche in meinen Laptop vertiefe, in dem alles nach klaren Regeln abläuft, normiert und standardisiert, ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein ist, kommt einer der Jungs runtergelaufen und sagt ich soll schnell hochkommen. Als ich oben ins Wohnzimmer komme, stehen dort etwa zehn Leute und singen Adventslieder für uns mit Gitarre und Trommel. Super Sache! Jetzt wo der Dezember angefangen hat, wird auch bei uns schon überlegt, wo wir den Weihnachtsbaum aufstellen. Ich bin schon gespannt, wie der aussieht. Nadelbäume gibts hier ja nicht.

Besuch der Adventssinger

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