Honig der Apokalypse, Oheim Öhm & Muhme und die ungeplante Feierlichkeit

Januar 23, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

„Fabian, I have one question, Fabian. Do you think the world will end in 2012? Do you know the Mayan Calendar? Can we see it in the internet, Fabian? In the TV they say the world will end, there was even one guy who said, if the world will not end 2012 he will kill himself. Many people say the world will end this year…“ Meine beiden „Tambis“ (kleinen Brüder) erinnern mich in den letzten Wochen manchmal an Warteschleifenmusik. Nur mit dem Unterschied, dass es mich ins Grübeln bringt. Bewegt dieser Blödsinn auch wo anders auf der Welt so die Gemüter? Vorgestern haben sie hier im Fernsehen einen amerikanischen Blockbuster (auf Tamil) gezeigt über den Weltuntergang 2012 und mir war, als hätte jemand ins Becken gepinkelt. Für Kinder ist das eben nicht bloß Unterhaltung, sie nehmen so was ernst (ok, es gibt augenscheinlich auch ältere Zeitgenossen, die gerne auf dieser Welle schwimmen). In Auroville, einer Art Modellstadt für den New Age-lifestyle, ca. 200 Km südlich von Chennai, hat man, obwohl der Zyklon „Thane“ Ende Dezember mit etwa 140 Kmh 80% aller Bäume dort entwurzelt hat, vermutlich eine positivere Vision davon, wessen die Welt entgegenstrebt. In einem kleinen Heftchen, das von einem ihrer Gründer Sri Aurobindo geschrieben wurde, lese ich folgende interessante Sätze: „And what is the end of the whole matter? As if honey could taste itself and all its drops together and all its drops could taste each other and each the whole honeycomb as itself, so should the end be with God and the soul of man and the universe.“ Sri Aurobindo ist übrigens der Ansicht, dass sich Gott und Natur in einer Art Liebesspiel betätigen: Beide verstecken sich voreinander und überwältigen sich gegenseitig im Menschen.

Eine andere Dauerschleife der vergangenen Tage hört sich in etwa so an: „yes, that’s clear, but how do you call the the daughter of you father’s brother? Ist there a difference to the daughter of the father’s sister? I mean, is this still the core family then? – Yes, I told you before, no? The is even a difference between how their brothers will tell them and how their sisters will call them, so, when it is the oldest of all… – wait, I think I did not get it. – Why? See, it’s very easy:…“ Ich versuche verzweifelt, ein System hinter den vielen verschiedenen Bezeichnungen für Verwandtschaftsverhältnisse in Indien zu finden. Etwa drei Wochen lang ohne Erfolg. Gestern ist dann doch endlich der Knoten geplatzt und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, zu sehen in der folgenden Grafik der woche (zum Vergrößern anklicken):

Bezeichnungen für Verwandschaftsverhältnisse in indischen Großfamilien

Man sagt ja, dass eine Sache umso wichtiger in einer Kultur ist, je mehr Worte es dafür gibt. Von diesem Standpunkt aus muss man wohl sagen, dass die Familie in Indien wesentlich wichtiger ist als in Deutschland, wobei es auch in Deutschland mal wesentlich mehr Begriffe für Verwandtschaftsverhältnisse gab. Aber wer weiß noch, was Oheim, Ohm, Öhm oder Muhme sind? Angeblich gab es mal eine Studie unter Ureinwohnern, die nur Begriffe für zwei Farben kannten: Blau und Rot. Nachdem man ihnen auch Begriffe für lauter andere Farben beibrachte, berichteten sie, sie würden plötzlich viel mehr Farben wahrnehmen. Ähnliches würde nun wahrscheinlich mit mir passieren, wenn ich eine größere Familie hätte.

Am Samstag, den 14., gleich nach einem solcher Tage, an dem ebenfalls manche Menschen meinen, das Ender der Welt sei näher als an anderen Tagen, stehe ich schon um 7.00 Uhr morgens auf, was mich wie erwartet einige Überwindung kostet, ziehe mich schick an, lege mein Feiertagslächeln auf und gehe hoch zum Frühstück. Es ist Pongal, eines der wichtigsten Feste in Tamil Nadu. Pongal ist vergleichbar mit Erntedank. Die Bauern freuen sich an diesem Tag besondern, die Reisernte einzuholen (allerdings gibt es hier drei Reisernten im Jahr). Traditionellerweise fangen in diesem Moment die ersten Bauern an, in der Morgensonne ein kleines Feuer vor einem bunt geschmückten Erntedank-Altar anzuzünden und einen Pott Reis zu kochen. Das ist auch der Grund, weshalb wir gester vereinbart haben so früh aufzustehen: Wir wollen sehen, wie sie den Reis kochen und dann schließlich, sobald das ganze anfängt zu schäumen, offiziell und lautstark das neue jahr begrüßen. Doch als ich in die Küche komme, bin ich augenscheinlich vorerst der einzige mit Feiertagslächeln und Frühstückshunger. Nach einigen Minuten erscheinen auch andere Gestalten, die durch ihre halb geöffneten Augen treffsicher meinen Kaffedurst deuten und wir trinken erst mal eine Runde Kaffe mit mehr Milch als Kaffee und viel Zucker, so wie es hier üblich ist. Planmäßig wollten wir vor einer halben Stunde gestartet sein und die Ruhe meiner Mitbewohner signalisiert mir, dass sich die Pläne mal wieder spontan geändert haben. Urspünglich wollten wir in ein Bauerndorf fahren, wo man Pongal noch richtig traditionell mit schmücken und Umzug und so feiert, das wäre etwa eine Stunde Fahrt. Ich habe mich etwa 10 mal bei meinem Gastvater versichert, dass wir wirklich dort hinfahren, weil ich dafür meine Kerala-Fahrt verschoben haben, deshalb hat er jetzt wohl ein etwas schlechtes Gewissen. In solchen Situationen pflegt er das Mobiltelefon zu zücken und jemanden aus seinem riesigen sozialen Netzwerk nach einer Lösung zu fragen. Und siehe da, es ergibt sich, dass wir zu Freunden in Chennai rüberfahren und dort an ihrer Pongal-Feier teilnehmen.

traditionelles Pongal-Arrangement: Kochtopf mit Reis (Pongal) vor frisch geernteten Früchten

Als wir uns alle auf ihrem kleinen Balkon drängen und der Feuerqualm zusammen mit Räucherkegeln und -Stäbchen, sowie Obst ein interessantes Duftgemisch unter der Morgensonne hervorbringt, kommt auch eine gewisse feierliche Stimmung auf. Nach einigen Minuten machen wir es uns dann im sehr urig und phantasievoll eingerichteten Wohnzimmer bequem, essen Kekse trinken tee und während wir interessante Theorien über die Geschichte Indiens austauschen, schäumt draußen der Pongal-Topf über und ich verpasste beinahe zum zweiten Mal in diesem Jahr das neue Jahr.

Am Sonntag sind wir dann bei einem Abendgottesdienst der katholischen Kirche hier. Das ganze beginnt mit einem Fest, es wird Musik gespielt und als wir auf dem Vorplatz erscheinen, bietet man mir und der anderen Freiwilligen zwei omnipräsente Plastikstühle an, die man für uns direkt vor die Bühne stellt und uns somit zu den VIPs erhebt. Ich fühle mich etwas unwohl und frage mich: „Was haben die mit uns vor?“ Aber am Ende soll ich nur einen der Preise an eine der tollen bunten und fröhlichen Tanzgruppen überreichen. Nach dem Gottesdienst gibt es ein traditionelles Pongal-Spiel, dass an Topfschlagen erinnert, nur dass der Topf an einem Seil in etwa 3 Metern höhe hängt. Ziel ist es, den Topf mit verbundenen Augen mit einem Stock zu zerschlagen. Alle haben riesigen Spaß. Danach gibt es noch einen kurzen Kreistanz und bei Einbruch der Moskitos machen wir uns wieder auf den Heimweg.

Pongal-Tanz auf dem Kirchplatz

Das war Cow-Pongal (was in der Stadt nicht mehr mit Kühen zu tun hat). Am Montag folgt noch Sightseeing-Pongal, wo traditioneller Weise alle Familien zusammen rausfahren. Genauer gesagt: in den einzigen Park der Stadt fahren, der an diesem Tage geöffnet ist: Der Guindy Park. Klar, das hätten wir eigentlich vorher ahnen können, als Annika (die andere Freiwillige) und ich uns auf der Suche nach etwas grünem und etwas Ruhe vom Stadtlärm in Richtung Parkanlagen bewegen. Der Gunindy Park ist eine Mischung aus Park und Zoo und an diesem Seightseeing-Pongal ist das Gedränge vor den Käfigen sogar größer als in den Käfigen. Die Hauptattraktion sind an diesem Tag allerdings, so scheint es, zwei weißhäutige Examplare der Gattung Homo Sapiens. Gefühlt jeder dritte möchte ein Foto mit uns machen, oder dass wir ein Foto von ihnen machen, oder möchte einfach nur wissen „whatisyournamehowdoyoulikeindia?“ Nachdem uns dann die zweite Familie ihr Kleinkind auf den Schoß setzt, um ein Foto zu machen, beschließen wir entschieden aber bedächtig den Heimweg anzutreten.

Ein letztes Ereignis, das wohl in seiner Bedeutung gleich hinter Pongal anzusiedeln ist, lässt sich auf den 21. Januar 2012 datieren. Es ist der Tag, an dem wir unser Büro aufräumten und ich mein Zimmer. Anlass war ein anstehendes Treffen ohne Namen, welches ich später in meinem Protokoll „Preliminary meeting to form a network to facilitate a sustainable development of the Tamilnadu coastal ecosystem through land planning and training“ genannt habe. Eine dänische Organisation war mit von der Partie und vor den Europäern macht man immer gerne einen guten Eindruck. Nachdem wir das Büro aufgeräumt hatten, wirkte nicht nur das Büro komplett verändert, freundlicher, heller, einladender, nein, es hat sich auch auf unsere Gesichter ein leichter Glanz gelegt. John war so beeindruckt und ergriffen von dem Anblick, dass er mit und Annika sofort die Aufgabe übertrug, ab jetzt das Büro in diesem Zustand zu halten, von nun an werde regelmäßig aufgeräumt, und hielt eine feierlich wirkende Besprechung mit uns ab, in der wir minutiös das Vorgehen der nächsten Tage besprachen und wuchs dabei über sich hinaus, sodass er einen Staatsmann hätte abgeben können. Und tatsächlich spielt er mit dem Gedanken mal für ein politisches Amt zu kandidieren, der Wahlkampf wäre für ihn aber unbezahlbar.

Die Ausführungen über Spiele in Indien, die ich letztes Mal angekündigt hatte, bringe ich dann vielleicht im nächsten Beitrag. Für diese Woche plane ich eine 5-tägige Kerala-Reise zu machen, davon werde ich dann hoffentlich nächste Woche erzählen können.

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Offline-Netzwerke, die Zeit als Salami und warum ich auch der „German James Bond“ genannt werde

Januar 15, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Was macht PLANT gerade so – und wenn ja, wie?

Derzeit bewirbt sich PLANT für vier Projekte. Falls wir für alle Zusagen bekommen sollten, würde sich der Mitarbeiterstab wohl innerhalb weniger Wochen von gegenwärtig etwa fünf auf fünfzig erhöhen. Sie würden allerdings nicht eingestellt, sondern eher beauftragt werden. Netzwerke sind flexible und komplexe Gebilde, die man vermutlich nur dann ganz versteht, wenn man sie selbst aufgebaut hat. Wobei „aufbauen“ in diesem Zusammenhang ein völlig unpassender Begriff ist. Es ziemlich wenig mit der deutschen systematischen und technokratischen Vorgehensweise beim Netzwerke aufbauen zu tun, nichts mit Xing, Stakeholderanalyse, account management oder Adressverwaltung. Meine Kollekgen hier bei PLANT knüpfen ganz einfach Freundschaften, natürlich auch manchmal nicht ganz ohne geschäftliche Interessen (soweit man bei NGOs von „Geschäften“ reden kann), aber sie vermeiden es größtenteils Beruf und Privatleben voneinander zu trennen. Beziehungen sind hier ALLES! Die vier Projekte, für die sich PLANT gerade bewirbt, sind:

  • in vier weiteren Fischerdörfern in Tamil Nadu den Bau und Installation von künstlichen Riffen anzuleiten (das sind Beton-Strukturen, die den Fischen auf dem verwüsteten Meeresgrund wieder geschützte Plätze zum Laichen bieten)
  • Beauftragung einer Organisation zum Aufbau von Heimen und Schulen von Waisenkindern („Rainbow-project“)
  • Unterschiedliche Hilfsmaßnahmen für die Dorfbevölkerung, die beim Zyklon „Thane“ vor zwei Wochen Häuser, Ernte, Vieh, etc. verloren haben
  • Einführung von 207 self-help-groups (selbsttätige Erwerbsarbeit) und 107 community-based-organizations in Dörfern in Gujarat

Für den Antrag auf Hilfsgelder in Bezug auf den Zyklon „Thane“ habe ich eine Recherche durchgeführt und einen fünfseitigen Bericht verfasst, der dann an diverse Hilfsorganisationen rausgegangen ist. Das war gestern. Bis jetzt warten wir noch auf Antworten. Nebenbei erstelle ich gerade eine Info-Broschüre beziehungsweise Werbeflyer für unser Ökotourismus-Paket (man kann, wie in einem vorherigen Blogbeitrag beschrieben, mit dem Boot auf den schönen Pulicat-Lake fahren, Vögel beobachten, einen entspannten oder sportlichen Tag am Strand verbringen, Sehenswürdigkeiten in einer nahegelegenen Stadt anschauen fahren, eine unterkunft mieten und wird die ganze Zeit über verpflegt). Die Hauptzielgruppe sind dabei Leute aus der Region. Zudem habe ich einen Prospekt über PLANT erstellt, der bei meinem Chef leider in Ungnade gefallen ist. Warum konnte ich bisher leider nicht genau herausfinden, aber vielleicht hat unter anderem folgende deutsch-technokratische Abbildung zu seinem Befremden beigetragen (für größere Darstellung anklicken):

PLANT income generation scheme

Die richtigen Fragen stellen 

Da der Lerneffekt bei meiner Arbeit eher mittelmäßig ist, möchte ich die Zeit jenseits der Arbeit so gut wie möglich und jedenfalls besser als bisher ausnutzen. Sehr beeindruckt hat mich der japanische Professor, der zwei Wochen lang bei unsmitgewohnt hat: Jede Minute hat er als eine chance gesehen, etwas zu lernen oder jemandem etwas beizubringen. In meinen Augen war das nur möglich, weil er eine sehr genaue Vorstellung davon hat, welche Fragen ihn bewegen. Das hat mich zu der Ansicht gebracht, dass ich jetzt, nachdem sich mir hier einige Fragen aufgedrängt haben, anfangen sollte, die zu formulieren und zu beantworten. Hier ein erster Versuch:

1. Wie unterscheidet sich das Zeitverständnis zwischen der indischen und der deutschen Kultur?

Maisverkäuferin am Marina Beach

Man könnte es positiv so ausdrücken: Die Inder verfallen nicht wie die Deutschen der Hybris, man könne über zeigt verfügen, wie über eine Salami, die man in bestimmten Rationen über eine Woche lang verzehrt und noch ein kleines Stück mit seinem Nachbarn teilt. Während wir in Deutschland schön säuberlich trennen zwischen „meiner“ Zeit und der Zeit der Anderen, lässt sich hier jeder Moment nur im Verhältnis zu dem definieren, was gerade unmittelbar um einen herum passiert. Es gibt hier einfach viel zu viele unbekannte Variablen, die ständig in die eigene Zeitplanung eingreifen. Ich frage mich, ob diese Variablen in Deutschland berechenbarer sind, oder ob wir einfach nur so tun, als könnten wir nur so tun, als könnten wir unsere Zeit selbständig planen? Es ist schon irgendwie bezeichnend, dass ich Indien noch nie jemanden habe sagen hören „Ich habe heute schon wieder nicht geschafft, was ich eigentlich schaffen wollte“.

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Die Erwartungen zwischen den Jahren

Januar 3, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine kleine Richtigstellung vorweg: Ich habe mir von einigen Indern bestätigen lassen, dass Camping in Indien so gut wie unbekannt ist. Die Idee mit dem Campingplatz ist also erstmal wieder vom Tisch. Stattdessen werden wir wohl eher versuchen eine Broschüre zur Bewerbung von ein paar Ferienwohnungen in der Region zu erstellen.

Zwischen den Jahren

Eine großes Shoppingcenter im Stadtzentrum im westlichen Stil versucht erwartungen an Geschenke zu wecken

Hinter mir liegen jetzt Weihnachten und Silvester. Von beiden Festen erwartet der gemeine Mitteleuropäer relativ viel, dass sie ergreifende Feste werden, etc. Diese Erwartungshaltung habe ich hier in Indien (zumindest bei den Leuten, mit denen ich zu tun habe) nicht so stark erlebt. Und beide Feste waren auch nicht so spektakulär. Das Weihnachtsfest in kleiner Runde mit gutem Essen, das gemeinsam am Boden sitzend genossen wurde (und ohne Geschenke) wurde leider von einem Unfall in der Verwandschaft überschattet. Der Betroffene ist aber wieder gesund.

Christ-Mass

An Silvester habe ich bis ein paar Stunden vorher noch überlegt, was ich mache und mich dann doch entschlossen zu einer im internet beworbenen Silvesterfeier in die Stadt zu fahren. Leider bin ich dort nie angekommen ich hab mich mit der zeit verschätzt und es dann auch nicht gefunden. Also habe ich nach 1,5 Stunden Bus und 1,5 Stunden Fuß an Mitternacht vor einer Kirche an einer Hauptstraße auf einem Plastikstuhl gesessen und den Glocken zugehört. Als die Glocken ausgeklungen waren, erklang die Stimme des Priesters in den Lautsprechern vor der Kirche – leider dermaßen unmotiviert und müde, dass ich mich dazu entschlossen habe, noch etwas die Straße weiter hinunterlaufen, um nicht sofort einzuschlafen. Ganz tief innen hatte ich auch immernoch die Hoffnung, vielleicht doch noch die Partylocation zu finden und dort auch noch reinzukommen, woran ich mittlerweile, komplett schweiß-durchnässt und von Frisur keine Spur mehr und nicht mal eine hübsche Dame im Schlepptau, allerdings zweifelte. Trotzdem bin ich noch etwas weiter die Straße hinuntergelaufen, habe ein paar ausgelassenen Leuten mit „Happy New Year“ die Hände geschüttelt, Ballon-Verkäufer abgewimmelt und betrunkenen Motorradfahrern dabei zugeschaut, wie sie mit dem heruntergeklappten Metallständer in voller fahrt Funken auf der Straße verprühen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keinen Tropfen Alkohol getrunken, da hier alles um 10.30 dicht macht, bis auf eben solche angemeldete Parties, von denen ich immernoch eine suchte, kleine Mini-Läden, die nur Süßigkeiten verkaufen und… ja, ein Kentucky Fried Chicken, wo ich zum feierlichen Abschluss des Abends und feierlichen Eröffnung des neuen Jahren eine Portion Pommes und einen kalten Kaffe gekauft habe (warmen Kaffe gab es nicht, wurde ich aufgeklärt).

Später in der Zeitung: Ein Bericht über betrunkene Motorradfahrer, die mit ihrem heruntergeklappten Metallständer funken sprühen - anscheinend ein Massenphänomen an Silvester

Angesichts dessen, dass eine Fahrt zurück mit dem Rikscha (Taxi-Dreirad) teurer ist als eine Übernachtung im Hotel, habe ich noch einige Minuten darauf verwendet, nach einem Zimmer zu suchen, wurde aber abermals eines besseren belehrt: An diesem Abend war alles ausgebucht. Dann beschloss ich, einem Rikscha-Fahrer ein Neujahrsgeschenk zu machen. Er schlief in seinem Rikscha auf der Rückbank, die Beine auf dem Lenker und war aber von einer Sekunde auf die nächste hellwach, als ich im lautstark verkündete „excuse me sir, sorry for waking you up, Ambattur OT, please!“ Er konnte seine Freude nur schwer verbergen. Ich allerdings saß auf dem Rücksitz und ergrimmte ob der verpassten Gelegenheit, eine indische Silversterfeier zu sehen. Meine Gastfamilie war noch wach, als ich um 2.00 Uhr nach Hause kam. Ich hätte nicht viel verpasst, sagten sie, diese Silvesterfeiern seien gar keine traditionellen indischen Feiern, sondern Discos, die geradewegs aus Europa oder USA importiert wurden. Silvester wird in Indien traditionell eigentlich nicht gefeiert. Das neue Jahr fängt hier ungefähr am 13.1. an, dann ist Pungal und da geht hier die
Post ab. Achso. Beruhigt, den Inneren Frieden wieder hergestellt, ging ich zu Bett und erfreute mich am nächsten Morgen, dank geschlossener Lokale bester Gesundheit.

Zwischen den Stühlen

Das kernelement vieler indischer Hochzeiten: Die Fotosession

Und wo ich gerade schon dabei bin, die hohen Erwartungen bezüglich der indischen Feierkultur richtigzustellen, sollte ich noch ein weiteres Beispiel bringen: Indische Hochzeiten! Ja, viele indische Hochzeiten sind wahnsinnig aufwendig mitallem Klimbim, allerdings nicht die beiden, auf denen ich bisher war. Der Ablauf war beide male ähnlich: Ca. 2 Stunden Anreise, Ankunft in der Festhalle, deren ca. 100 omnipräsente Allzweck-Plastikstühle voll besetzt sind, das Hochzeitspaar sitzt auf einer Bühne. Dann führt ein Hindu-Priester ca. 5 Minuten lang ein einfachen Ritual durch, anschließend stellen sich alle Gäste etwa 30 Minuten lang an der Bühne an, wo von ihnen zusammen mit dem Brautpaar Fotos gemacht werden. Der Gast verlässt die Bühne links und geht eine Etage höher zu den Tischreihen, wo ihm sogleich ein gutes Essen serviert wird. Zum Essen braucht der durchschnittliche Hochzeitsgast etwa 15 Minuten, danach bedankt man sich für die Einladung und tritt den Heimweg an. Natürlich kann ich nicht genau sagen, ob nicht die anderen, näheren Verwandten und bekannten länger dort bleiben und noch tanzen etc., aber die pragmatische Erscheinung der Veranstaltungen ließ eher nicht darauf schließen. Vielleicht habe ich aber durch die zwei Besuche auch ein völlig verzehrtes Bild bekommen, aber es hat mir immerhin gezeigt, dass mein Bild von indischen Hochzeiten vorher mindestens genau so verzerrt war.

Nächste Woche erzähle ich euch, warum ich hier auch der „German James Bond“ genannt werde, wie sich Tiere und Menschen in Indien die Stadt teilen und ob ich mir hier eigentlich die ganze zeit nur einen faulen Lenz mache oder auch ab und zu was arbeite.

Wo bin ich?

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