Die Erwartungen zwischen den Jahren

Januar 3, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine kleine Richtigstellung vorweg: Ich habe mir von einigen Indern bestätigen lassen, dass Camping in Indien so gut wie unbekannt ist. Die Idee mit dem Campingplatz ist also erstmal wieder vom Tisch. Stattdessen werden wir wohl eher versuchen eine Broschüre zur Bewerbung von ein paar Ferienwohnungen in der Region zu erstellen.

Zwischen den Jahren

Eine großes Shoppingcenter im Stadtzentrum im westlichen Stil versucht erwartungen an Geschenke zu wecken

Hinter mir liegen jetzt Weihnachten und Silvester. Von beiden Festen erwartet der gemeine Mitteleuropäer relativ viel, dass sie ergreifende Feste werden, etc. Diese Erwartungshaltung habe ich hier in Indien (zumindest bei den Leuten, mit denen ich zu tun habe) nicht so stark erlebt. Und beide Feste waren auch nicht so spektakulär. Das Weihnachtsfest in kleiner Runde mit gutem Essen, das gemeinsam am Boden sitzend genossen wurde (und ohne Geschenke) wurde leider von einem Unfall in der Verwandschaft überschattet. Der Betroffene ist aber wieder gesund.

Christ-Mass

An Silvester habe ich bis ein paar Stunden vorher noch überlegt, was ich mache und mich dann doch entschlossen zu einer im internet beworbenen Silvesterfeier in die Stadt zu fahren. Leider bin ich dort nie angekommen ich hab mich mit der zeit verschätzt und es dann auch nicht gefunden. Also habe ich nach 1,5 Stunden Bus und 1,5 Stunden Fuß an Mitternacht vor einer Kirche an einer Hauptstraße auf einem Plastikstuhl gesessen und den Glocken zugehört. Als die Glocken ausgeklungen waren, erklang die Stimme des Priesters in den Lautsprechern vor der Kirche – leider dermaßen unmotiviert und müde, dass ich mich dazu entschlossen habe, noch etwas die Straße weiter hinunterlaufen, um nicht sofort einzuschlafen. Ganz tief innen hatte ich auch immernoch die Hoffnung, vielleicht doch noch die Partylocation zu finden und dort auch noch reinzukommen, woran ich mittlerweile, komplett schweiß-durchnässt und von Frisur keine Spur mehr und nicht mal eine hübsche Dame im Schlepptau, allerdings zweifelte. Trotzdem bin ich noch etwas weiter die Straße hinuntergelaufen, habe ein paar ausgelassenen Leuten mit „Happy New Year“ die Hände geschüttelt, Ballon-Verkäufer abgewimmelt und betrunkenen Motorradfahrern dabei zugeschaut, wie sie mit dem heruntergeklappten Metallständer in voller fahrt Funken auf der Straße verprühen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keinen Tropfen Alkohol getrunken, da hier alles um 10.30 dicht macht, bis auf eben solche angemeldete Parties, von denen ich immernoch eine suchte, kleine Mini-Läden, die nur Süßigkeiten verkaufen und… ja, ein Kentucky Fried Chicken, wo ich zum feierlichen Abschluss des Abends und feierlichen Eröffnung des neuen Jahren eine Portion Pommes und einen kalten Kaffe gekauft habe (warmen Kaffe gab es nicht, wurde ich aufgeklärt).

Später in der Zeitung: Ein Bericht über betrunkene Motorradfahrer, die mit ihrem heruntergeklappten Metallständer funken sprühen - anscheinend ein Massenphänomen an Silvester

Angesichts dessen, dass eine Fahrt zurück mit dem Rikscha (Taxi-Dreirad) teurer ist als eine Übernachtung im Hotel, habe ich noch einige Minuten darauf verwendet, nach einem Zimmer zu suchen, wurde aber abermals eines besseren belehrt: An diesem Abend war alles ausgebucht. Dann beschloss ich, einem Rikscha-Fahrer ein Neujahrsgeschenk zu machen. Er schlief in seinem Rikscha auf der Rückbank, die Beine auf dem Lenker und war aber von einer Sekunde auf die nächste hellwach, als ich im lautstark verkündete „excuse me sir, sorry for waking you up, Ambattur OT, please!“ Er konnte seine Freude nur schwer verbergen. Ich allerdings saß auf dem Rücksitz und ergrimmte ob der verpassten Gelegenheit, eine indische Silversterfeier zu sehen. Meine Gastfamilie war noch wach, als ich um 2.00 Uhr nach Hause kam. Ich hätte nicht viel verpasst, sagten sie, diese Silvesterfeiern seien gar keine traditionellen indischen Feiern, sondern Discos, die geradewegs aus Europa oder USA importiert wurden. Silvester wird in Indien traditionell eigentlich nicht gefeiert. Das neue Jahr fängt hier ungefähr am 13.1. an, dann ist Pungal und da geht hier die
Post ab. Achso. Beruhigt, den Inneren Frieden wieder hergestellt, ging ich zu Bett und erfreute mich am nächsten Morgen, dank geschlossener Lokale bester Gesundheit.

Zwischen den Stühlen

Das kernelement vieler indischer Hochzeiten: Die Fotosession

Und wo ich gerade schon dabei bin, die hohen Erwartungen bezüglich der indischen Feierkultur richtigzustellen, sollte ich noch ein weiteres Beispiel bringen: Indische Hochzeiten! Ja, viele indische Hochzeiten sind wahnsinnig aufwendig mitallem Klimbim, allerdings nicht die beiden, auf denen ich bisher war. Der Ablauf war beide male ähnlich: Ca. 2 Stunden Anreise, Ankunft in der Festhalle, deren ca. 100 omnipräsente Allzweck-Plastikstühle voll besetzt sind, das Hochzeitspaar sitzt auf einer Bühne. Dann führt ein Hindu-Priester ca. 5 Minuten lang ein einfachen Ritual durch, anschließend stellen sich alle Gäste etwa 30 Minuten lang an der Bühne an, wo von ihnen zusammen mit dem Brautpaar Fotos gemacht werden. Der Gast verlässt die Bühne links und geht eine Etage höher zu den Tischreihen, wo ihm sogleich ein gutes Essen serviert wird. Zum Essen braucht der durchschnittliche Hochzeitsgast etwa 15 Minuten, danach bedankt man sich für die Einladung und tritt den Heimweg an. Natürlich kann ich nicht genau sagen, ob nicht die anderen, näheren Verwandten und bekannten länger dort bleiben und noch tanzen etc., aber die pragmatische Erscheinung der Veranstaltungen ließ eher nicht darauf schließen. Vielleicht habe ich aber durch die zwei Besuche auch ein völlig verzehrtes Bild bekommen, aber es hat mir immerhin gezeigt, dass mein Bild von indischen Hochzeiten vorher mindestens genau so verzerrt war.

Nächste Woche erzähle ich euch, warum ich hier auch der „German James Bond“ genannt werde, wie sich Tiere und Menschen in Indien die Stadt teilen und ob ich mir hier eigentlich die ganze zeit nur einen faulen Lenz mache oder auch ab und zu was arbeite.

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