Offline-Netzwerke, die Zeit als Salami und warum ich auch der „German James Bond“ genannt werde

Januar 15, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Was macht PLANT gerade so – und wenn ja, wie?

Derzeit bewirbt sich PLANT für vier Projekte. Falls wir für alle Zusagen bekommen sollten, würde sich der Mitarbeiterstab wohl innerhalb weniger Wochen von gegenwärtig etwa fünf auf fünfzig erhöhen. Sie würden allerdings nicht eingestellt, sondern eher beauftragt werden. Netzwerke sind flexible und komplexe Gebilde, die man vermutlich nur dann ganz versteht, wenn man sie selbst aufgebaut hat. Wobei „aufbauen“ in diesem Zusammenhang ein völlig unpassender Begriff ist. Es ziemlich wenig mit der deutschen systematischen und technokratischen Vorgehensweise beim Netzwerke aufbauen zu tun, nichts mit Xing, Stakeholderanalyse, account management oder Adressverwaltung. Meine Kollekgen hier bei PLANT knüpfen ganz einfach Freundschaften, natürlich auch manchmal nicht ganz ohne geschäftliche Interessen (soweit man bei NGOs von „Geschäften“ reden kann), aber sie vermeiden es größtenteils Beruf und Privatleben voneinander zu trennen. Beziehungen sind hier ALLES! Die vier Projekte, für die sich PLANT gerade bewirbt, sind:

  • in vier weiteren Fischerdörfern in Tamil Nadu den Bau und Installation von künstlichen Riffen anzuleiten (das sind Beton-Strukturen, die den Fischen auf dem verwüsteten Meeresgrund wieder geschützte Plätze zum Laichen bieten)
  • Beauftragung einer Organisation zum Aufbau von Heimen und Schulen von Waisenkindern („Rainbow-project“)
  • Unterschiedliche Hilfsmaßnahmen für die Dorfbevölkerung, die beim Zyklon „Thane“ vor zwei Wochen Häuser, Ernte, Vieh, etc. verloren haben
  • Einführung von 207 self-help-groups (selbsttätige Erwerbsarbeit) und 107 community-based-organizations in Dörfern in Gujarat

Für den Antrag auf Hilfsgelder in Bezug auf den Zyklon „Thane“ habe ich eine Recherche durchgeführt und einen fünfseitigen Bericht verfasst, der dann an diverse Hilfsorganisationen rausgegangen ist. Das war gestern. Bis jetzt warten wir noch auf Antworten. Nebenbei erstelle ich gerade eine Info-Broschüre beziehungsweise Werbeflyer für unser Ökotourismus-Paket (man kann, wie in einem vorherigen Blogbeitrag beschrieben, mit dem Boot auf den schönen Pulicat-Lake fahren, Vögel beobachten, einen entspannten oder sportlichen Tag am Strand verbringen, Sehenswürdigkeiten in einer nahegelegenen Stadt anschauen fahren, eine unterkunft mieten und wird die ganze Zeit über verpflegt). Die Hauptzielgruppe sind dabei Leute aus der Region. Zudem habe ich einen Prospekt über PLANT erstellt, der bei meinem Chef leider in Ungnade gefallen ist. Warum konnte ich bisher leider nicht genau herausfinden, aber vielleicht hat unter anderem folgende deutsch-technokratische Abbildung zu seinem Befremden beigetragen (für größere Darstellung anklicken):

PLANT income generation scheme

Die richtigen Fragen stellen 

Da der Lerneffekt bei meiner Arbeit eher mittelmäßig ist, möchte ich die Zeit jenseits der Arbeit so gut wie möglich und jedenfalls besser als bisher ausnutzen. Sehr beeindruckt hat mich der japanische Professor, der zwei Wochen lang bei unsmitgewohnt hat: Jede Minute hat er als eine chance gesehen, etwas zu lernen oder jemandem etwas beizubringen. In meinen Augen war das nur möglich, weil er eine sehr genaue Vorstellung davon hat, welche Fragen ihn bewegen. Das hat mich zu der Ansicht gebracht, dass ich jetzt, nachdem sich mir hier einige Fragen aufgedrängt haben, anfangen sollte, die zu formulieren und zu beantworten. Hier ein erster Versuch:

1. Wie unterscheidet sich das Zeitverständnis zwischen der indischen und der deutschen Kultur?

Maisverkäuferin am Marina Beach

Man könnte es positiv so ausdrücken: Die Inder verfallen nicht wie die Deutschen der Hybris, man könne über zeigt verfügen, wie über eine Salami, die man in bestimmten Rationen über eine Woche lang verzehrt und noch ein kleines Stück mit seinem Nachbarn teilt. Während wir in Deutschland schön säuberlich trennen zwischen „meiner“ Zeit und der Zeit der Anderen, lässt sich hier jeder Moment nur im Verhältnis zu dem definieren, was gerade unmittelbar um einen herum passiert. Es gibt hier einfach viel zu viele unbekannte Variablen, die ständig in die eigene Zeitplanung eingreifen. Ich frage mich, ob diese Variablen in Deutschland berechenbarer sind, oder ob wir einfach nur so tun, als könnten wir nur so tun, als könnten wir unsere Zeit selbständig planen? Es ist schon irgendwie bezeichnend, dass ich Indien noch nie jemanden habe sagen hören „Ich habe heute schon wieder nicht geschafft, was ich eigentlich schaffen wollte“.

2. Warum haben Inder und Deutsche ein so unterschiedliches Verhältnis zur Technik?

Indischer Busfahrer: Nicht nur während der Fahrt ein Improvisationstalent

Es war mir vorher nicht so bewusst, aber ich umgebe mich mit unendlich vielen „gadgets“, also technischen Schnickschnack. In meinem Rucksack ist immer eine komplexe Digitalkamera, ein Schweizer Multifunktionstaschenmesser, Taschentücher, Mückenspray, ein kelines Kamerastativ, ein Reiseführer, Kopfhörer fürs mp3-Handy, eine Stadtkarte, ein eingebauter Regenschutz für den Rucksack, ein Sonnenhut, eine Sonnenbrille, Pflaster, Wundsalbe, Plastikhandschuhe, ein Wörterbuch, Ohrstöpsel und eine ultraklein zusammenfaltbare Tragetasche gehören zu meiner Standardausrüstung meines Rucksacks, den ich fast immer dabei habe, wenn ich das Haus verlasse. Seit dem Tag, an dem ich beim ersten Stromausfall (jeden Tag von 17.00 bis 18.00 Uhr) einen kleinen USB-Ventilator mit LED aus meiner Reisetasche zog, um in der Dämmerung besser lesen zu können, trage ich in meiner Gastfamilie nur den Beinamen des „German James Bond“. Nun gut, dass ich ein Unterwassergehäuse für meine Digitalkamera mitgebracht habe und meine Regenjacke über geschätzte 10 Reisverschlüsse verfügt, wäre in Deutschland nicht weiter erwähnenswert, unter meinen indischen Mitbewohnern weckt das hingegen höchste Faszination. Mein Bestreben, bei jeder Unwägbarkeit Herr der Lage zu bleiben, mag beim Inder auf Befremden stoßen, scheint man hier doch viel weniger dazu zu neigen, als Mensch die Umwelt regulieren zu wollen, als vielmehr auf die Selbstregulation des großen Ganzen zu vertrauen. Ein Beispiel: In Deutschland werden wilde Hunde, genauso wie Kühe und die Haushaltsabfälle genauestens reguliert (was darf wann an welchem Ort sein und wann nicht). In Indien kontrolliert man einfach nichts von dem und was passiert ist, dass die Abfälle, die einfach auf die Straße geworfen werden, von den frei herumsträunenden Hunden und Kühen verzehrt werden. Einzig die unterschiedlichen Variationen an Erdöl (Plastikbecher auf Einkaufstüte nebst einer Hülle von Verpackung) scheinen bei ihnen keinen Anklang zu finden. In Teilen scheint die Selbstregulation noch zu funktionieren, auch wenn das Kuh-Urin, mit dem man sich sonst traditionellerweise hin und wieder das Gesicht reinigte, wegen der Giftstoffe, die die Kühe essen, heute nicht mehr die gleiche heilende Wirkung hat. Und wie wurde diese Selbstregulation gestört? Durch den Einsatz von Technik in Form von Erdölprodukten, Chemikalien und anderem Zusatzmüll. Mittlerweile gibt es aber auch zunehmen Recycle-Stelle (siehe z.B. http://www.kuppathotti.com)

Zweifelhafte Selbstregulierung: Müllentsorgung auf einer Fischerei-Konferenz in Chennai

3. Wie verändern Informations- und Kommunikationstechnologie das Leben in Indien?

Dass IuK Indien stark verändert haben, ist nicht zu übersehen. Bis auf die wenigen Beispiele, die ich schon früher hier im Blog gebracht habe, habe ich bislang keine weiteren Erkenntnisse gewonnen. Das soll ich mit der Forumlierung dieser Forschungsfrage jetzt ändern. Hier nur mal drei Zeitungsausschnitte von dieser Woche als erster Hinweis (für größere Ansicht anklicken).

IuK für sicherere Straßen

e-govern-ment soll kommen

IuK für die Wasserversorgung

4. Warum sind Musikvideos im indischen Fernsehen allgegenwärtig, in Europa aber so gut wie verschwunden?

Ein medienwissenschaftlich sehr interessante Frage, für die ich noch einige Nachforschung betreiben werden muss.

So viel von mir diese Woche. Nächste Woche gibt es unter anderem einen Bericht über das Hochfest „Pongal“, das hier gerade in vollem Gange ist und vielleicht einen kleinen Einblick, welche Spiele die Inder so spielen.

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