Von der Staubmetropole ins Grüne, die „sleeper class“ und das Akteurs-Netz der Fischerei

Februar 5, 2012 § Ein Kommentar

Mein Steißbein tut schon seit Wochen weh, wahrscheinlich liegts an der Motorrad-Schlagloch-Kombination, aber das macht nichts. Ich liege auf einem Bett, an dem der Sternenhimmel vorbeifährt, während ich meine Lieblingsmusik im Kopfhörer habe. Nachtbus von Staubmetropole Chennai ins grüne Cochin mit Vorfreude und Freiheit im Gepäck. Das könnte auch ein Songtitel sein. Am ersten Tag in Cochin ist baden angesagt. Die Wellen sind perfekt und es gelingt mir ein paar mal auf einer Welle an den Strand zu schwimmen, natürlich schön warm das Wasser. Während ich mich dann Lufttrocknen lasse, ein Kapitel Bhagavatgita im mp3-player, schaue ich zwei Leuten beim Sonnenuntergang zu, wie sie sich eine Kokusnuss im Wasser zuwerfen. Die Bhagavatgita ist allerdings etwas schwere Kost, voller Widersprüche und rechtfertigt unverhohlen Gewalt. Trotzdem verstehe ich die Empörung der Inder, die sich hier breit gemacht hat, als im Dezember Russland das Buch als extremistische Schrift verbieten lassen wollte. Gott (Brahman) erscheint hier als eine Art Naturgewalt, die alle vernichtet, die nicht absichtslos handeln. Es gibt demnach unterschiedliche Wege, diesen Gott zu erfahren – durch Genuss, Studium, Künste, etc., eine Beziehung ist aber nicht möglich und die Menschen, die diesen Gott angeblich wirklich erkennen können, seien eine extreme Seltenheit (alle Angaben ohne Gewähr, da extremst verkürzt).
Am nächsten Tag gibt es dann eine Bootstour durch die dschungelähnlich umwachsenden Flusskanäle um Cochin herum. Hier wird mein wieder mal mit viel Erwartungen vollgepackter Rucksack etwas leichter. Statt dem bestellten 5-Mann-Kanu sollen wir auf einem Boot neben 30 anderen Touristen platz nehmen. Die vorbeiziehende Landschaft rück dadurch in sichere Entfernung, bei der immer noch 10 Fotokameras zwischen die Natur und mich passen.

Bootsfahrt bei Cochin

Diese Erfahrung wiederholt sich, als wir dann am nächsten Tag im Bus sitzen und den Rest der ca. 300 km von Cochin zum Nationalpark Wayanad zurücklegen. Die Straße führt durch wunderschöne Landschaften, Wälder, an Flussufern vorbei, ich verspüre Lust, einfach sofort auszusteigen, irgendwo dort ein Zelt aufzustellen und ein Woche dort zu bleiben, aber der Bus fährt und fährt, ich habe weder ein Zelt, noch eine Woche und die Landschaft zieht vorbei. Was ich beim Sternenhimmel noch genossen habe, wird nun zum Ärgernis. Also tapfer ein paar verwackelte Fotos machen und weiter. Aber noch einmal eine kurze Blende zurück. Die Fahrt von Cochin nach Wayanad begann am Vortag, abends um 23:30 mit einem Nachtzug. Da wir (4 Deutsche, die sich über ein paar Ecken alle von zu Hause aus kennen) das erst nachmittags erfahren, bleiben uns einige Stunden, um vom Bahnhof aus mitsamt unserem Gepäck irgendwas zu unternehmen, um jene Stunden, die uns da unerwartet in den Schoß fallen, maximal auszubeuten. Da wir alle ziemlich müde sind, fällt die Entscheidung schließlich auf Kino. Der einzige englische Film, der gerade gezeigt wird heißt irgendwas mit „revenge“ und „snake“ oder „dragon“. Obwohl die Animation im Film zu etwa 30% aus anderen bekannten Filmen kopiert wurden, wird uns gute Unterhaltung geboten, natürlich mit viel action, die aber ohne schwarz-weiß-Denken auskommt. Nicht aber kommt ein Film im indischen Kino ohne Kußszenen aus, bei denen die Zuschauer in lauten Jubel ausbrechen.

Als ich beim Besteigen unseres Zuges erfahre, was genau „Sleeper Class“ bedeutet, möchte ich nicht gleich in Jubel ausbrechen. Mit einigem Gedränge gelingt es uns, jeweils einen halben Stehplatz zu ergattern. Für vier Stunden ist das etwas wenig. Während ich mich in die innere emigration begebe und versuche auf mindestens einem Auge zu schlafen, hat die kuschelige Atmosphäre auf meine 19-jährigen deutschen Mitreisenden eher eine belebende Wirkung. Sie führen intensive Gespräche mit ihren gleichaltrigen indischen Zeitgenossen, die an diesem Tag ihre zentrale Abschlussprüfung bei der Ausbildung zu Eisenbahnpersonal hatten. So fahren wir, halb stehend, halb liegend, halb übereinander, halb nebeneinander, halb diskutierend, halb dösend, halb gestern, halb morgen, dem Morgengrauen entgegen.

Der nächste Tag, nun in Wayanad (Sultan Bathery) bestand aus… schlafen.

Berg und Tal

Ein Vogelzwitschern erfüllt den Raum, ich kenne dieses Zwitschern sehr genau, ich bin darauf konditioniert, man könnte fast sagen abgerichtet. Es ist das Wecksignal meines Handys. An diesem Morgen bedeutet es so viel wie: Aufwachen, ihr schnarchsäcke, der Berg ruft! Ein Chabatti und einem Masala-Chai später machen wir uns auf den Weg zum höchsten Gipfel im Naturschutzgebiet in Wayanad (ca. 2500 Meter). Wir kommen vorbei an Kaffee-Trocknungs-Anlagen, die stauben, wenn die Arbeiter den Kaffee wenden, weil sich dort über Nacht immer der Schimmel auf dem Kaffee ablagert, wie man uns erklärt, an Teeplantagen, die von oben aussehen wie das Spielbrett von „Siedler von Kathan“, an einem Trupp Pestizide-Spritzern in Gummijacken, an Frauen, die die Teehecken schneiden, durch einen kleinen Wald und schließlich über die Baumgrenze. Der Berg ist ein eher sanfter Zeitgenosse, bis oben dicht mit Gras bewachsen und ohne jegliche Felsvorsprünge oder Kanten. Eher ein ziemlich hoher Hügel. Erst hinterher fällt mir auf, dass ich nach dem Aufstehen kein einzige Vogelzwitschern mehr gehört habe, anscheinend ist dies nicht die Welt der Vögel. Dafür hören wir von Gipfel aus in einem etwa 300 Meter entfernten Tal ein Geräusch als würde sich gerade das ganze Tal wie Butterbrotpapier zusammenfalten: Die Grillen veranstalten dort eine „Grillparty“ (Kalauer des Tages!).

Teeplantage

Oben machen wir ein paar Spring-Fotos für unseren großen Bruder Facebook – schließlich mussten wir für jede unsere 4 Kameras extra zahlen – diskutieren über Berlin, verrückte Randgruppen, Bundespräsidenten und auch ein bisschen über Indien und kommen ziemlich dehydriert und mit leichtem Sonnenbrand, dafür aber mit Luftdurchfluteten Lungen und wohlbehalten wieder in der Stadt am Rande des Berges an. Wir setzen uns in ein Restaurant, leeren viele frisch gepresste Zitronenlimonaden und viele Liter Wasser, wärend einer von uns mit Migräne unterm Tisch schläft. Der Tisch hatte eine Glasplatte und die uns umgebenen Gäste waren auch etwas neugierig, aber uns kennt hier ja keiner.

Der letzte Tag der Reise gehörte dann der wunderbaren Stadt Meysore. Eine spontane Fahrt mit einer Pferdekutsche durch die Stadt und ein zehnminütiger Besuch auf dem Palast-Gelände haben schon ausgereicht, um festzustellen, dass ein halber Tag definitiv zu wenig ist, um Meysore zu besichtigen!

Palast von Meysore

Auf der Rückfahrt hatten wir dann statt „Sleeper Class“ ein „AC3“-Ticket für den Nachtzug. Das ist die nächst höhere Klasse, etwas langweiliger, dafür aber mit reservierten Betten. Pünklich um 9:00 Uhr morgens waren wir dann am Donnerstag morgen wieder im PLANT-Büro in Chennai und einsatzbereit.

Im PLANT-Büro ist inzwischen eine Paket mit einer neuen Publikation angekommen, für die auch PLANT einige Daten geliefert hat. Sie heißt „District Stakeholder & Livelihoods Analysis Report“ Sie ist herausgegeben von der Organisation „Fisheries Management for Sustainable Livelihoods (FIMSUL)“ und beschreibt, welche Interessengruppen es im Fischerei-Bereich in der Umgebung von Chennai so gibt, welche Probleme sie haben, wie sie damit umgehen und wie sie miteinander zusammenhängen. Als ich die Tabellendarstellungen in dem Heft sehe, fange ich unwillkürlich an, darüber nachzudenken, wie man die 30 Seiten in einer einzigen Pfeile-Grafik darstellen könnte.

Beispiel-Tabelle: Review of seasonal dimensions of stakeholder livelihoods

Am Ende noch ein kleines Schmankerl: Ein Mitschnitt einer spontanen Jamsession von einem meiner kleinen Gastbrüder und mir, gespielt auf einer kleinen Trommel, die ich zu überhöhtem Preis von einem Verkäufer am Strand in Ponducherry gekauft hab.

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