Auf den Spuren der Emotionen Indiens (Übersicht über die letzten drei Wochen)

März 1, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Hier ein kurzer Abriss über die letzten drei Wochen.

Donnerstag, 9.2.:

Mit meinem Kollegen Anto fahre ich einmal quer durch die Stadt, um eine bestelle Niski-Flasche (das ist ein Gerät, mit dem man Wasserproben entnehmen kann) von einem Händler abzuholen. Das Ding hat einen Neupreis von umgerechnet ca. 300 Euro (ein amerikanisches Patent, das nur in den USA hergestellt wird und in Indien kaum zu bekommen ist). Als das Gerät vor uns auf dem Tisch steht, sage ich leise zu Anto, das das mehr nach second-hand aussieht. Er teilt meine Zweifel und diskutiert mit dem Verkäufer, der die Zweifel aber nicht ausräumen kann. Kein Etikett, keine Verpackung, kein Garantieschein und einige Kratzer. Also rufen wir John an, der dem Verkäufer am Telefon deutlich macht, er sei Rechtsanwalt und daher würde er ihm raten, uns keine Gerauchtwaren zum Neupreis anzudrehen. Das macht den Verkäufer einigermaßen sauer und er zerreißt den Vertrag buchstäblich in der Luft. Nun gut, das war dann auch schon wieder ein ganzer Arbeitstag und die Suche nach einer Niskin-Flasche, die jetzt schon etwa vier Monate andauert, wird sich wohl auch noch etwas länger hinziehen.

Am Abend lassen wir den Tag auf den Balkon ausklingen und beobachten, wie in der Marriage-Hall gegenüber ein paar junge Männer den typischen Tamilnadu-Hochzeitstanz tanzen, das geht ganz gut ab. In Europa würde sich niemand trauen, das in der Disko zu tanzen.

Freitag, 10.2.:

Diesen Freitag verspüre ich eine gewisse Sehnsucht nach einem ordentlichen Rockkonzert. Das ist für mich der Inbegriff von freier Jugendkultur und das, womit ich eben groß geworden bin. In Indien sind solche Konzerte allerdings extrem rar, da hier meistens alle Generationen alles gemeinsam machen und ein Rockkonzert relativ diskriminierend gegenüber Eltern und Großeltern ist, worüber aber in Europa ein gegenseitiges Einverständnis zwischen den Generationen herrscht. Die „Tales on Fire“ spielen im Keller eines fünf-Sterne-Hotels, wo sich offensichtlich hauptsächlich Studenten treffen, die entweder mal im Ausland waren oder aus dem Ausland kommen. Die Band singt und spricht hauptsächlich auf Englisch. Rockmusik ist eben einfach nicht indisch, denke ich, werde aber von einem freundlichen Zeitgenossen mit schwäbischem Akzent zurechtgewiesen: In anderen Teilen Indiens gehört das schon mit zur Kultur, Tamilnadu ist aber extrem konservativ, weil der Sohn der jetzigen Regierungschefin ein alter Draufgänger war.

Samstag, 11.2.:

Am Samstagabend organisiert John eine Party auf dem Dach. Er koch leckeres Byriani, wir bocken eine Tür zu einer Tischplatte auf, organisieren eine Kerze und eine LED-Lampe zur Beleuchtung und ich spiele Musik von John auf mein Handy, das wir im Hintergrund mitlaufen lassen. Wir haben ein gutes Essen und währen die Geräusche der Hauptstraße nebenan an die Nordseite des Hauses branden und langsam leiser werden, vertiefen wir uns in interessante Gespräche. Gegen Ende des Abends werfen wir unsere Essensreste für den Hund unserer Nachbarn vom Dach und einen Ziegelstein zur Abwehr eines eindringenden Straßenhundes.

Sonntag, 12.2.:

Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Schon als wir beim letzten zu Pongal ein Fest unserer Kirche hier besuchten, wurden wir gebeten als Ehrengäste in der vordersten Reihe Platz zu nehmen. Als wir heute zum Gemeindefest kommen und versuchen, und irgendwo hinten in die letzten Reihen zu drücken, werden wir erkannt und direkt nach vorn auf die Bühne gebeten, wo sie uns zwei leere Stühle anbieten, auf denen wir unser Essen einnehmen. Von hier aus habe ich einen tollen überblick über mehr als 500 Menschen, die der Bühne zugewandt auf ihren Bänken sitzen und ebenfalls ihr Essen genießen und auf die Bühne schauen. Jetz bloß keinen Fehler machen beim Essen mit den Fingern und nicht zeigen, dass du eigentlich gar keinen Hunger hast. Nachdem der Teil mehr oder weniger souverän gemeister ist, bittet uns der Organisator doch etwas zum Kulturprogramm beizutragen und ein Lied aus Deutschland zu singen. Ups. Ok, da mir kein Lied einfällt, entschließe ich mich für eine kleine Body-Percussion-Einlage. Während ich auf meinem Körper herumtrommele schaue ich in ratlose Gesichter. Was macht der da? Nachdem Annika dann tatsächlich noch ein deutsches Lied gesungen hat, ist die Veranstaltung zu Ende (nicht wegen uns, sondern generell) und wir gehen mit vollem Magen nach Hause, etwas verunsichert, ob wir all der Ehre gerecht geworden sind.

Gemeindefest

Montag, 13.2.:

Morgens um 5.30 brechen wir auf, um Wasserproben zu entnehmen (mal wieder ohne Niskin-Flasche). Es handelt sich dabei um eine staatlich vorgeschriebene Überwachung der Umweltverträglichkeit einer neuen, öffentlich finanzierten Wasser-Entsalzungsanlage. Sie arbeitet mit dem reverse-osmosis-Verfahren und wenn es sich als Erfolg darstellt, ist das ein großer Beitrag im Kampf gegen zukünftige Wasserkriege. Voraussetzung ist aber, das die Rückführung der übrigen Salzlauge in Meer keine Schäden am Ökosystem verursacht. Nachdem wir die Proben entnommen und ins Labor gebracht haben, gesellen wir uns noch ein Weilchen zu einigen Fabrikarbeitern, die hinter der Anlage während der Woche in einfachen Zelten wohnen (allerdings mit Fernseher). Zwei von ihnen kommen aus einem der umliegenden Fischerdörfer, in denen PLANT Projekte durchführt. Da sie kein Englisch sprechen und wir kein Tamil, bringt Annika ihnen Käsekästchen (vier gewinnt) bei. Alle sind begeistert bei der Sache und ritzen immer neue Spielfelder in den Sand. Bevor wir fahren, laden sie uns ein, nach der nächsten Entnahme von Wasserproben zu ihnen nach Hause zu kommen, was wir alle für eine gute Idee halten.

Arbeiterbehausung

Dienstag, 14.2.:

John wurde eingeladen, einem Vortrag zum Thema women-empowerment zu halten, an einer Frauen-Uni. Annika und ich begleiten ihn, um das zu dokumentieren. Um 13.30 Indischer Zeit betreten wir also weibliches Territorium. Als so ziemlicher einziger hellhäutiger in unserem Viertel bin ich es ja mittlerweile schon gewohnt, aufzufallen, aber sich als Mann in einer Frauenuni zu bewegen und nach der Herrentoilette zu fragen, ist noch mal was anderes. Im Vortrag sitzen dann überraschenderweise nur Professorinnen und Sozialarbeiterinnen, keine Studentinnen.

Mittwoch, 15.2.:

Es gibt einen unerwartet langen Stromausfall. Normalerweise, ist der hier immer zwischen 5 und 6 Uhr Abends, diesmal mehrmals und länger. Man erzählt uns, die Regierung wolle damit ihren Unmut gegenüber der zunehmenden AKW-Bewegung Ausdruck verschaffen.

Donnerstag, 16.2.:

Diesen Donnerstag sind wir auf eine muslimische Hochzeit eingeladen. Äußerlich unterscheidet sie sich nicht sonderlich von einer hinduistischen oder christlichen Hochzeit in Indien (zum gesprochenen Wort kann ich natürlich nichts sagen, da ich kein Tamil verstehe). Der einzige Unterschied ist: Männer und Frauen sitzen getrennt: Die Männer links in Weiß und die Frauen rechts in Schwarz (und ich Unwissender in Bordeaux-Rot auf der Empore).

Muslimisches Hochzeitspaar

Freitag, 17.2.:

Keine besonderen Vorkommnisse.

Ohne Titel

Samstag, 18.2.:

Die Gasteltern treten heute ihre Mumbai-Reise an. Sie sind im Rahmen des Rainbow-Projektes (Kinderheime und Schulen für Waisen und Halbwaisen) zu einer zweitägigen Konferenz am Tata-Institute for social science eingeladen. Eigentlich wollten Annika und ich sie begleiten, aber dann hieß es zwei Tage vorher, es seien keine Zimmer mehr frei und keine günstigen Flüge mehr verfügbar, sodass wir für die Hin- und für die Rückreise jeweils 24 Stunden Zugfahren müssten, worauf ich dann doch nicht so erpicht bin. Bis zum 24. Morgens übergeben sie uns also die Verantwortung auf das Haus und die beiden Jungs aufzupassen. Nach der Verabschiedung besteht unsere erste Verantwortung darin, einen der beiden Jungs zu einer Schulfeier zu begleiten. Er hat den ersten Preis im Malwettbewerb gemacht und darf deshalb in Begleitung seiner Eltern (oder eben in diesem Fall der Vertretung seiner Eltern) seinen Preis entgegennehmen. Die Militärkapelle der Schüler spielt zu diesem Anlass unter anderem „We shall overcome“. Nach der Verleihung strahlt er uns an: Thank you for coming with me, you made me so much more interesting for my classmates!

19.2. – 24.2.:

In diesen Tagen sind wir mehr oder weniger an das Haus gebunden, daher machen wir es uns hier gemütlich, wechseln uns mit den Jungs mit Maggi-kochen ab und wir versuchen mit mäßigem Erfolg, den Älteren der beiden davon zu überzeugen, dass angesichts seiner bevorstehenden Prüfungen lernen sinnvoller ist als computerspielen. An einem Nachmittag erkunden wir die Nachbarschaft und stellen fest, dass nur wenige Kilometer hinter der Hauptverkehrsstraße die laute Stadt plötzlich aussieht wie ein kleines Dorf, mit Blätterhäusern, Bäumen und an einem See gelegen. Meine Sehnsucht nach einem freien Blick auf eine Ebene Fläche (ich bin kürzlich darüber erschrocken, wie ich, auf einer Brücke über den Eisenbahgleisen stehend den Anblick der geraden, parallel zueinander gen Horizont verlaufenen Gleise genieße)  treibt mich dazu, einen Platz zu finden, wo man direkt an den See heran kommt, doch der einzige zugängliche Uferstreifen scheint die öffentliche Toilette des Quartiers zu sein, wo wir dann doch lieber nicht hingehen (in Indien benutzt man traditionellerweise Uferstreifen als öffentliche Toiletten, was sich erst seit kurzem in den Regionen verändert hat, die einen Anschluss an die Kanalisation bekommen haben).

Dorf in der Stadt

Samstag, 25.2.:

Ganz ergriffen von einem Anflug von Spontanität starte ich um 10.00 Uhr morgens eine Reise nach Tirumala, ca. 160 km nordwestlich von Chennai. Hauptsächlich aus zwei Gründen: Es ist im Lonely Planet als sehenswürdig ausgewiesen und bei google maps sieht das Gebiet von oben waldig aus. Doch statt Natur erwartet mich der mit einer Milliarde Rupees täglichen Spendeneinnahmen angeblich reichste Tempel der Welt, der auf einem Berg liegt, zu dem nicht ein geschlängelter Wanderpfad führt, sondern eine komplett überdacht Pilgerautobahn mit 3700 Treppenstufen.

Pilgerweg zum Tempelberg Tirumala

Aber zum bin ich mittlerweile geübt darin, meine falschen Vorstellungen schnell beiseite zu schieben und zu genießen, was da ist: Da sind viele, kontaktfreudige und freundliche Pilger, sodass man sich wirklich anstrengen müsste, um den Weg alleine und ohne irgendwelche Gespräche zurückzulegen; da sind links und rechts vom Weg super beeindruckende riesige Bäume, die offensichtliche heilige Plätze darstellen und von Steinbänken umrundet sind; da sind Menschen, die auf ihrem Weg jede der 3700 Stufen mit den Fingern mit gelber und roter Farbe markieren, sodass die Stufen in hellen Farben leuchten; da sind alle barfuß; und da sind immer wieder kleine Ausblicke auf die bewaldeten Berge mit Felsvorsprüngen und Menschen, die einen waren vom Weg abzuweichen, weil es dort immer wieder Übergriffe von Tigern gibt. Die Heimfahrt mit dem Zug ist ebenfalls mal wieder sehr beeindruckend. Mein kühles deutsches Gemüt wird durchspült von einem Cocktail unterschiedlichster Gefühle. Vor dem Fenster des Zuges stehen zwei Frauen, die ihren Männern hinterherweinen und  die dazugehörigen Männer im Abteil sind Monumente von Traurigkeit und Sehnsucht. Dann wird es laut, sehr laut in der Sitzreihe gegenüber: Man streitet sich darum, wer zuerst auf dem Sitz war, wer für wen was freigehalten hat und ich bin für einen Moment lang froh, dass ich kein Tamil verstehe und dass keiner der Beteiligten eine Waffe bei sich trägt. Neben mir ein paar Jungs, die sich in den Armen liegen, einfach weil sie Freunde sind.

Der Weg von Tirupati nach Tirumala muss barfuß zurückgelegt werden, aber man geht auch nur in Ausnahmefällen abseits des gepflasterten Wegs

Montag, 27.2.:

Mit meinem Kollegen Anto bespreche ich die Online-Anwendung, die ich mit google sites zusammengebastelt habe, um Anwesenheitslisten, Wochenberichte, Monatsberichte, Kontaktlisten und versendete Anträge in „maschinenlesbarer Form“ zu dokumentieren. Einmal mehr merke ich, dass es unbedingt notwendig ist, solche Sachen mit den Anwendern zusammen zu entwickeln. Die zeigen allerdings bislang nur mäßiges Interesse, wohingegen ich überzeugt bin, dass es vieles sehr vereinfachen würde.

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