Straßenkinder, Schienenwoche, Zwischenfazit

März 27, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Lavanya ist zehn Jahre alt. Die Straßen Chennai’s sind ihr zu Hause. Nachdem ihre Mutter gestorben war, hat sich ihr Alkohol- und Drogenabhängiger Vater nicht mehr länger für sie interessiert und hat sich aus dem Staub gemacht, um eine andere Frau zu heiraten. Glücklicherweise muss Lavanya nicht auf der Straße übernachten, denn ihre Großmutter ermöglicht ihr, in einer Art Jugendherberge zu übernachten. Wenn man sie fragt, an wen sie sich wenden kann, für den Fall dass sie Hilfe braucht, sagt sie: „an niemanden“. Wie fast alle der vielen Straßenkinder in Chennai gehört sie der untersten Kaste an. In den letzten Wochen sind einige Sozialarbeiter in Chennai ausgeschwärmt, um eben diese Straßenkinder zu finden und diejenigen, denen es am schlechtesten geht, in eines der drei „Rainbow Homes“ aufzunehmen, die in Chennai neu entstehen sollen – unter Mitwirkung von PLAN T. Das Konzept der Rainbow Homes ist schon etwa 30 Jahre alt und stammt aus Kalkutta und hat sich seitdem bewährt, sodass sich das Rainbow Network mittlerweile in vielen indischen Städten etabliert hat. Weil PLANT am Aufbau der neuen Heime in Chennai beteiligt ist, wurden wir zu einem Netzwerktreffen nach Hyderabad eingeladen, was sehr interessant war.

Moschee in Hyderabad

Stadttor in Hyderabad

Unter anderem haben wir in 5er-Grüppchen eine Exkursion zu jeweils einem der sozialen Brennpunkte Hyderabads gemacht, um Straßenkinder ausfindig zu machen. In unserer Gruppe haben wir einen etwa 10-jährigen Jungen gefunden, der bei einem Straßenstand als Wasserverkäufer gearbeitet hat und zwei etwa 6-jährige Mädchen, die gemeinsam mit ihrer (zieh-)Mutter auf der Straße leben. Mit ihnen haben wir uns etwa eine Stunde lang unterhalten und währenddessen hat sich eine immer größere Menschentraube um uns versammelt, die alle neugierig waren, was wir denn da mit diesen „Ausgestoßenen“ machen. Während ich dort in dieser Traube stehe und nicht recht weiß, wo ich genau stehen soll, wird mir etwas mulmig zumute. Woher nehmen wir uns die Autorität einfach in dieses soziale „Gefüge“ einzugreifen? Vielleicht wir hier gleich jemand wütend, vielleicht wird man uns hinterlistige Motive unterstellen, vielleicht wird man alles fehlinterpretieren, vielleicht werden wir Neid erzeugen? Jedenfalls gibt es für alles, was hier gerade passiert mindestens 20 Zeugen, die hinterher bestimmt alle ihre eigene Geschichte erzählen. Natürlich hat es in der Vergangenheit schon öfter mal zu Spannungen geführt, wenn die Sozialarbeiter der Kinderheime Kinder von der Straße geholt und in ihren Heimen untergebracht haben, etwa weil man damit dem Straßenlädchen, bei dem das Kind gearbeitet hat, eine billige Arbeitskraft wegnimmt, die Kinder anderweitig ausgenutzt wurden oder ähnliches. Aber die „Mobilizerin“ geht heute sehr professionell und einfühlsam vor, alle sind gerührt von den beiden Mädchen, die sich freuen wie kleine Schneeköniginnen, dass sich jemand für sie interessiert und ihnen einen Platz in einem Heim anbietet. Irgendjemand hat auch der Presse Bescheid gesagt und so finden wir uns bald darauf in einer Fotosession für die Lokalzeitung wieder. Dann fragt die Leiterinner des Kinderheims die Mädchen: „Are you ready to come to the home now?“ – ein verlegener Blick zur Mutter und dann zurück zur Heimleiterin. Ich habe einen Klos im Hals. Die Mutter darf für eine Nacht mit ins Heim kommen, um zu sehen, wie es ihren Töchtern dort geht. Dort angekommen sind alle sehr froh. Am Abend kehren wir zurück zum Seminarhaus und berichten uns gegenseitig am nächsten Tag von unseren Begegnungen. Die Fälle werden zusammen mit Father George vom Don Bosco Heim in Form einer „participative action research“ besprochen und analysiert. Er lädt uns zu erhellenden Perspektivwechseln ein.

Unsere Interaktion mit zwei Straßenkindern erregt große Aufmerksamkeit

Von Chennai nach Hyderabad sind es übrigens etwa 12 Stunden Zugfahrt – eigentlich ganz erträglich, wenn man mit dem Nachtzug fährt und den größten Tag der Fahrt einfach verschlafen kann. Allerdings hatte ich etwa 5 Stunden, bevor wir dorthin losgefahren sind, bereits eine andere 12 Stunden Zugfahrt von Hyderabad nach Chennai hinter mir, zwei Tage davor eine etwa 5 Stunden-Fahrt von Ooty nach Mysore und wiederum zwei Tage vorher eine etwa 8 Stunden-Fahrt von Udipi nach Ooty und einen Tag davor eine 12 Stunden-Fahrt von Chennai nach Udipi. In Udipi musste ich noch ein Dokument abholen, dass ich angeblich unbedingt für die Ausreise brauche und bin danach gleich weiter zu unserem FSL Get-Together (ein Treffen mit anderen Freiwilligen, die über die gleiche Organisation in NGOs in Indien vermittelt wurden) in Ooty. Das ist eine Stadt in den Western Ghats, auf über 2000 Metern, sodass dort auch im beginnenden Sommer sehr erträgliche Temperaturen herrschen. Wenn man nicht gerade im botanischen Garten unterwegs ist, wo es jede Menge seltene, seltsame und beeindruckend große Bäume sehen kann, erinnert die Gegen ziemlich an den Blick von Kickelhahn (Ilmenau, thüringer Wald). Danach habe ich in Mysore andere FSL-volunteers besucht, von denen sich eine dort eine Wohnung in einem wunderbar ruhigen und grünen Innenhof gemietet hat. In zwei erholsamen Tagen habe ich mir unter anderem eine Lichtshow am beeindruckenden Schloss von Mysore angeschaut und mich einer entspannenden Rückenmassage in einem Luxushotel unterzogen (trotz allem relativ preiswert).

In Ooty ist die höchste Erhebung Nordindiens - sieht irgendwie aus auf dem Kickelhahn...

Langsam geht mein Freiwilligendienst zu Ende (es ist jetzt noch ein Monat) und ich frage mich, ob ich hier irgendetwas verändert habe. Im Büro habe ich, nüchtern betrachtet vermutlich eher nichts verändern können. Die Broschüre wartet immer noch auf den nötigen Input von den Mitarbeitern, die Homepage sollte dann eigentlich auf Grundlage der Broschüre erstellt werden, ein Flyer für das Ökotourismus-Projekt wartet noch darauf, offiziell abgesegnet und in Tamil übersetzt zu werden, meine Online-Datenbank für alle internen Vorgänge bei PLANT funktioniert zwar so weit und ist einsatzbereit, aber leider nimmt sich keiner die Zeit, es auch wirklich zu nutzen. Für die Dauer von etwa sieben Tagen habe ich mich zudem der Illusion hingegeben, dass ich mit dem Datensatz über die Straßenkinder in Chennai (über 120 Fälle mit verschiedenen Variablen dazu, was die Eltern machen, die Schulbildung, soziale Probleme, etc.), den ich in das Statistikprogramm SPSS übertragen habe, mit statistischen Analysen mit zur Entscheidung beitragen könnte, welche Kinder denn nun am schwersten betroffen sind und folglich für die Heime ausgewählt werden sollen. Das haben aber, wie ich gestern erfuhr, die sozcial mobilizer selbst vor Ort schon entschieden (was zugegeben auch weit mehr Sinn macht, weil sie die ganze Situation der Kinder viel genauer wahrnehmen können, als es im Nachhinein anhand eines Fragebogens möglich ist. Die Statistiken sind eher dafür da, Präsentationen über das Projekt mit ein paar Zahlen zu untermauern. Die Projektanträge, an denen ich mitgeschrieben haben (z.B. Hilfsmaßnahmen nach dem Zyklon oder die Installation eines Kühlraums in einem Fischerdorf) haben sich leider im Sand verlaufen. Aber noch ist ja ein Monat Zeit… Was vermutlich einen bleibenderen Eindruck hinterlässt ist auf der zwischenmenschlichen Ebene auszumachen: Meine Gastfamilie hat einen Deutschen und seine Denkweise kennengelernt und vielleicht auch ihre eigene Kultur, indem sie meine ständigen Fragen beantworten mussten – mir ist jedenfalls dadurch auch einiges über Deutschland klargeworden. Zum Beispiel höre ich mich erklären, dass die Gesellschaft in Deutschland deshalb mehr individualisiert ist als in Indien, weil die Märkte dort, nachdem das Angebot an allen lebensnotwendigen Gütern gesättigt waren, neue Märkte erschließen mussten, damit die Wirtschaft weiter wachsen kann – andernfalls, das ist allgemein bekannt, würde das System zusammenbrechen. Diese neuen Märkte biete diverse Güter an, die zur individuellen Identitäts- und Imagebildung beitragen, wie etwa sämtliche Modeartikel, aber im Grunde alles, was man öffentlich mit sich rumträgt. Deshalb gibt es auch tausend verschiedene Subkulturen. In Indien dagegen sind die Märkte noch nicht so gesättigt und es herrschen viel stärkere soziale Konventionen. Ich hatte aber auch eine sehr logische Erklärung dafür parat, weshalb die Hierarchien in Deutschland wesentlich flacher sind als in Indien. Neben dem Kastensystem, das es in Deutschland nicht gibt, ist der enorme Drang zur Innovation in Deutschland daran schuld. Warum? Weil Innovationsforscher herausgefunden haben, dass flache Hierarchien einer der wichtigsten Bestandteile für innovative Organisationen ist. Wer sich dafür fürchtet, für Fehler bestraft zu werden, bringt keine neuen Ideen. Also wurde in Deutschland die Unternehmenskultur und das Bildungssystem umgekrempelt. Hört sich logisch an, oder?

Im botanischen Garten in Ooty hat mein einen guten Blick über Indien

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