Straßenkinder, Schienenwoche, Zwischenfazit

März 27, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Lavanya ist zehn Jahre alt. Die Straßen Chennai’s sind ihr zu Hause. Nachdem ihre Mutter gestorben war, hat sich ihr Alkohol- und Drogenabhängiger Vater nicht mehr länger für sie interessiert und hat sich aus dem Staub gemacht, um eine andere Frau zu heiraten. Glücklicherweise muss Lavanya nicht auf der Straße übernachten, denn ihre Großmutter ermöglicht ihr, in einer Art Jugendherberge zu übernachten. Wenn man sie fragt, an wen sie sich wenden kann, für den Fall dass sie Hilfe braucht, sagt sie: „an niemanden“. Wie fast alle der vielen Straßenkinder in Chennai gehört sie der untersten Kaste an. In den letzten Wochen sind einige Sozialarbeiter in Chennai ausgeschwärmt, um eben diese Straßenkinder zu finden und diejenigen, denen es am schlechtesten geht, in eines der drei „Rainbow Homes“ aufzunehmen, die in Chennai neu entstehen sollen – unter Mitwirkung von PLAN T. Das Konzept der Rainbow Homes ist schon etwa 30 Jahre alt und stammt aus Kalkutta und hat sich seitdem bewährt, sodass sich das Rainbow Network mittlerweile in vielen indischen Städten etabliert hat. Weil PLANT am Aufbau der neuen Heime in Chennai beteiligt ist, wurden wir zu einem Netzwerktreffen nach Hyderabad eingeladen, was sehr interessant war.

Moschee in Hyderabad

Stadttor in Hyderabad

Unter anderem haben wir in 5er-Grüppchen eine Exkursion zu jeweils einem der sozialen Brennpunkte Hyderabads gemacht, um Straßenkinder ausfindig zu machen. In unserer Gruppe haben wir einen etwa 10-jährigen Jungen gefunden, der bei einem Straßenstand als Wasserverkäufer gearbeitet hat und zwei etwa 6-jährige Mädchen, die gemeinsam mit ihrer (zieh-)Mutter auf der Straße leben. Mit ihnen haben wir uns etwa eine Stunde lang unterhalten und währenddessen hat sich eine immer größere Menschentraube um uns versammelt, die alle neugierig waren, was wir denn da mit diesen „Ausgestoßenen“ machen. Während ich dort in dieser Traube stehe und nicht recht weiß, wo ich genau stehen soll, wird mir etwas mulmig zumute. Woher nehmen wir uns die Autorität einfach in dieses soziale „Gefüge“ einzugreifen? Vielleicht wir hier gleich jemand wütend, vielleicht wird man uns hinterlistige Motive unterstellen, vielleicht wird man alles fehlinterpretieren, vielleicht werden wir Neid erzeugen? Jedenfalls gibt es für alles, was hier gerade passiert mindestens 20 Zeugen, die hinterher bestimmt alle ihre eigene Geschichte erzählen. Natürlich hat es in der Vergangenheit schon öfter mal zu Spannungen geführt, wenn die Sozialarbeiter der Kinderheime Kinder von der Straße geholt und in ihren Heimen untergebracht haben, etwa weil man damit dem Straßenlädchen, bei dem das Kind gearbeitet hat, eine billige Arbeitskraft wegnimmt, die Kinder anderweitig ausgenutzt wurden oder ähnliches. Aber die „Mobilizerin“ geht heute sehr professionell und einfühlsam vor, alle sind gerührt von den beiden Mädchen, die sich freuen wie kleine Schneeköniginnen, dass sich jemand für sie interessiert und ihnen einen Platz in einem Heim anbietet. Irgendjemand hat auch der Presse Bescheid gesagt und so finden wir uns bald darauf in einer Fotosession für die Lokalzeitung wieder. Dann fragt die Leiterinner des Kinderheims die Mädchen: „Are you ready to come to the home now?“ – ein verlegener Blick zur Mutter und dann zurück zur Heimleiterin. Ich habe einen Klos im Hals. Die Mutter darf für eine Nacht mit ins Heim kommen, um zu sehen, wie es ihren Töchtern dort geht. Dort angekommen sind alle sehr froh. Am Abend kehren wir zurück zum Seminarhaus und berichten uns gegenseitig am nächsten Tag von unseren Begegnungen. Die Fälle werden zusammen mit Father George vom Don Bosco Heim in Form einer „participative action research“ besprochen und analysiert. Er lädt uns zu erhellenden Perspektivwechseln ein.

Unsere Interaktion mit zwei Straßenkindern erregt große Aufmerksamkeit

Von Chennai nach Hyderabad sind es übrigens etwa 12 Stunden Zugfahrt – eigentlich ganz erträglich, wenn man mit dem Nachtzug fährt und den größten Tag der Fahrt einfach verschlafen kann. Allerdings hatte ich etwa 5 Stunden, bevor wir dorthin losgefahren sind, bereits eine andere 12 Stunden Zugfahrt von Hyderabad nach Chennai hinter mir, zwei Tage davor eine etwa 5 Stunden-Fahrt von Ooty nach Mysore und wiederum zwei Tage vorher eine etwa 8 Stunden-Fahrt von Udipi nach Ooty und einen Tag davor eine 12 Stunden-Fahrt von Chennai nach Udipi. In Udipi musste ich noch ein Dokument abholen, dass ich angeblich unbedingt für die Ausreise brauche und bin danach gleich weiter zu unserem FSL Get-Together (ein Treffen mit anderen Freiwilligen, die über die gleiche Organisation in NGOs in Indien vermittelt wurden) in Ooty. Das ist eine Stadt in den Western Ghats, auf über 2000 Metern, sodass dort auch im beginnenden Sommer sehr erträgliche Temperaturen herrschen. Wenn man nicht gerade im botanischen Garten unterwegs ist, wo es jede Menge seltene, seltsame und beeindruckend große Bäume sehen kann, erinnert die Gegen ziemlich an den Blick von Kickelhahn (Ilmenau, thüringer Wald). Danach habe ich in Mysore andere FSL-volunteers besucht, von denen sich eine dort eine Wohnung in einem wunderbar ruhigen und grünen Innenhof gemietet hat. In zwei erholsamen Tagen habe ich mir unter anderem eine Lichtshow am beeindruckenden Schloss von Mysore angeschaut und mich einer entspannenden Rückenmassage in einem Luxushotel unterzogen (trotz allem relativ preiswert).

In Ooty ist die höchste Erhebung Nordindiens - sieht irgendwie aus auf dem Kickelhahn...

Langsam geht mein Freiwilligendienst zu Ende (es ist jetzt noch ein Monat) und ich frage mich, ob ich hier irgendetwas verändert habe. Im Büro habe ich, nüchtern betrachtet vermutlich eher nichts verändern können. Die Broschüre wartet immer noch auf den nötigen Input von den Mitarbeitern, die Homepage sollte dann eigentlich auf Grundlage der Broschüre erstellt werden, ein Flyer für das Ökotourismus-Projekt wartet noch darauf, offiziell abgesegnet und in Tamil übersetzt zu werden, meine Online-Datenbank für alle internen Vorgänge bei PLANT funktioniert zwar so weit und ist einsatzbereit, aber leider nimmt sich keiner die Zeit, es auch wirklich zu nutzen. Für die Dauer von etwa sieben Tagen habe ich mich zudem der Illusion hingegeben, dass ich mit dem Datensatz über die Straßenkinder in Chennai (über 120 Fälle mit verschiedenen Variablen dazu, was die Eltern machen, die Schulbildung, soziale Probleme, etc.), den ich in das Statistikprogramm SPSS übertragen habe, mit statistischen Analysen mit zur Entscheidung beitragen könnte, welche Kinder denn nun am schwersten betroffen sind und folglich für die Heime ausgewählt werden sollen. Das haben aber, wie ich gestern erfuhr, die sozcial mobilizer selbst vor Ort schon entschieden (was zugegeben auch weit mehr Sinn macht, weil sie die ganze Situation der Kinder viel genauer wahrnehmen können, als es im Nachhinein anhand eines Fragebogens möglich ist. Die Statistiken sind eher dafür da, Präsentationen über das Projekt mit ein paar Zahlen zu untermauern. Die Projektanträge, an denen ich mitgeschrieben haben (z.B. Hilfsmaßnahmen nach dem Zyklon oder die Installation eines Kühlraums in einem Fischerdorf) haben sich leider im Sand verlaufen. Aber noch ist ja ein Monat Zeit… Was vermutlich einen bleibenderen Eindruck hinterlässt ist auf der zwischenmenschlichen Ebene auszumachen: Meine Gastfamilie hat einen Deutschen und seine Denkweise kennengelernt und vielleicht auch ihre eigene Kultur, indem sie meine ständigen Fragen beantworten mussten – mir ist jedenfalls dadurch auch einiges über Deutschland klargeworden. Zum Beispiel höre ich mich erklären, dass die Gesellschaft in Deutschland deshalb mehr individualisiert ist als in Indien, weil die Märkte dort, nachdem das Angebot an allen lebensnotwendigen Gütern gesättigt waren, neue Märkte erschließen mussten, damit die Wirtschaft weiter wachsen kann – andernfalls, das ist allgemein bekannt, würde das System zusammenbrechen. Diese neuen Märkte biete diverse Güter an, die zur individuellen Identitäts- und Imagebildung beitragen, wie etwa sämtliche Modeartikel, aber im Grunde alles, was man öffentlich mit sich rumträgt. Deshalb gibt es auch tausend verschiedene Subkulturen. In Indien dagegen sind die Märkte noch nicht so gesättigt und es herrschen viel stärkere soziale Konventionen. Ich hatte aber auch eine sehr logische Erklärung dafür parat, weshalb die Hierarchien in Deutschland wesentlich flacher sind als in Indien. Neben dem Kastensystem, das es in Deutschland nicht gibt, ist der enorme Drang zur Innovation in Deutschland daran schuld. Warum? Weil Innovationsforscher herausgefunden haben, dass flache Hierarchien einer der wichtigsten Bestandteile für innovative Organisationen ist. Wer sich dafür fürchtet, für Fehler bestraft zu werden, bringt keine neuen Ideen. Also wurde in Deutschland die Unternehmenskultur und das Bildungssystem umgekrempelt. Hört sich logisch an, oder?

Im botanischen Garten in Ooty hat mein einen guten Blick über Indien

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Auf den Spuren der Emotionen Indiens (Übersicht über die letzten drei Wochen)

März 1, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Hier ein kurzer Abriss über die letzten drei Wochen.

Donnerstag, 9.2.:

Mit meinem Kollegen Anto fahre ich einmal quer durch die Stadt, um eine bestelle Niski-Flasche (das ist ein Gerät, mit dem man Wasserproben entnehmen kann) von einem Händler abzuholen. Das Ding hat einen Neupreis von umgerechnet ca. 300 Euro (ein amerikanisches Patent, das nur in den USA hergestellt wird und in Indien kaum zu bekommen ist). Als das Gerät vor uns auf dem Tisch steht, sage ich leise zu Anto, das das mehr nach second-hand aussieht. Er teilt meine Zweifel und diskutiert mit dem Verkäufer, der die Zweifel aber nicht ausräumen kann. Kein Etikett, keine Verpackung, kein Garantieschein und einige Kratzer. Also rufen wir John an, der dem Verkäufer am Telefon deutlich macht, er sei Rechtsanwalt und daher würde er ihm raten, uns keine Gerauchtwaren zum Neupreis anzudrehen. Das macht den Verkäufer einigermaßen sauer und er zerreißt den Vertrag buchstäblich in der Luft. Nun gut, das war dann auch schon wieder ein ganzer Arbeitstag und die Suche nach einer Niskin-Flasche, die jetzt schon etwa vier Monate andauert, wird sich wohl auch noch etwas länger hinziehen.

Am Abend lassen wir den Tag auf den Balkon ausklingen und beobachten, wie in der Marriage-Hall gegenüber ein paar junge Männer den typischen Tamilnadu-Hochzeitstanz tanzen, das geht ganz gut ab. In Europa würde sich niemand trauen, das in der Disko zu tanzen.

Freitag, 10.2.:

Diesen Freitag verspüre ich eine gewisse Sehnsucht nach einem ordentlichen Rockkonzert. Das ist für mich der Inbegriff von freier Jugendkultur und das, womit ich eben groß geworden bin. In Indien sind solche Konzerte allerdings extrem rar, da hier meistens alle Generationen alles gemeinsam machen und ein Rockkonzert relativ diskriminierend gegenüber Eltern und Großeltern ist, worüber aber in Europa ein gegenseitiges Einverständnis zwischen den Generationen herrscht. Die „Tales on Fire“ spielen im Keller eines fünf-Sterne-Hotels, wo sich offensichtlich hauptsächlich Studenten treffen, die entweder mal im Ausland waren oder aus dem Ausland kommen. Die Band singt und spricht hauptsächlich auf Englisch. Rockmusik ist eben einfach nicht indisch, denke ich, werde aber von einem freundlichen Zeitgenossen mit schwäbischem Akzent zurechtgewiesen: In anderen Teilen Indiens gehört das schon mit zur Kultur, Tamilnadu ist aber extrem konservativ, weil der Sohn der jetzigen Regierungschefin ein alter Draufgänger war.

Samstag, 11.2.:

Am Samstagabend organisiert John eine Party auf dem Dach. Er koch leckeres Byriani, wir bocken eine Tür zu einer Tischplatte auf, organisieren eine Kerze und eine LED-Lampe zur Beleuchtung und ich spiele Musik von John auf mein Handy, das wir im Hintergrund mitlaufen lassen. Wir haben ein gutes Essen und währen die Geräusche der Hauptstraße nebenan an die Nordseite des Hauses branden und langsam leiser werden, vertiefen wir uns in interessante Gespräche. Gegen Ende des Abends werfen wir unsere Essensreste für den Hund unserer Nachbarn vom Dach und einen Ziegelstein zur Abwehr eines eindringenden Straßenhundes.

Sonntag, 12.2.:

Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Schon als wir beim letzten zu Pongal ein Fest unserer Kirche hier besuchten, wurden wir gebeten als Ehrengäste in der vordersten Reihe Platz zu nehmen. Als wir heute zum Gemeindefest kommen und versuchen, und irgendwo hinten in die letzten Reihen zu drücken, werden wir erkannt und direkt nach vorn auf die Bühne gebeten, wo sie uns zwei leere Stühle anbieten, auf denen wir unser Essen einnehmen. Von hier aus habe ich einen tollen überblick über mehr als 500 Menschen, die der Bühne zugewandt auf ihren Bänken sitzen und ebenfalls ihr Essen genießen und auf die Bühne schauen. Jetz bloß keinen Fehler machen beim Essen mit den Fingern und nicht zeigen, dass du eigentlich gar keinen Hunger hast. Nachdem der Teil mehr oder weniger souverän gemeister ist, bittet uns der Organisator doch etwas zum Kulturprogramm beizutragen und ein Lied aus Deutschland zu singen. Ups. Ok, da mir kein Lied einfällt, entschließe ich mich für eine kleine Body-Percussion-Einlage. Während ich auf meinem Körper herumtrommele schaue ich in ratlose Gesichter. Was macht der da? Nachdem Annika dann tatsächlich noch ein deutsches Lied gesungen hat, ist die Veranstaltung zu Ende (nicht wegen uns, sondern generell) und wir gehen mit vollem Magen nach Hause, etwas verunsichert, ob wir all der Ehre gerecht geworden sind.

Gemeindefest

Montag, 13.2.:

Morgens um 5.30 brechen wir auf, um Wasserproben zu entnehmen (mal wieder ohne Niskin-Flasche). Es handelt sich dabei um eine staatlich vorgeschriebene Überwachung der Umweltverträglichkeit einer neuen, öffentlich finanzierten Wasser-Entsalzungsanlage. Sie arbeitet mit dem reverse-osmosis-Verfahren und wenn es sich als Erfolg darstellt, ist das ein großer Beitrag im Kampf gegen zukünftige Wasserkriege. Voraussetzung ist aber, das die Rückführung der übrigen Salzlauge in Meer keine Schäden am Ökosystem verursacht. Nachdem wir die Proben entnommen und ins Labor gebracht haben, gesellen wir uns noch ein Weilchen zu einigen Fabrikarbeitern, die hinter der Anlage während der Woche in einfachen Zelten wohnen (allerdings mit Fernseher). Zwei von ihnen kommen aus einem der umliegenden Fischerdörfer, in denen PLANT Projekte durchführt. Da sie kein Englisch sprechen und wir kein Tamil, bringt Annika ihnen Käsekästchen (vier gewinnt) bei. Alle sind begeistert bei der Sache und ritzen immer neue Spielfelder in den Sand. Bevor wir fahren, laden sie uns ein, nach der nächsten Entnahme von Wasserproben zu ihnen nach Hause zu kommen, was wir alle für eine gute Idee halten.

Arbeiterbehausung

Dienstag, 14.2.:

John wurde eingeladen, einem Vortrag zum Thema women-empowerment zu halten, an einer Frauen-Uni. Annika und ich begleiten ihn, um das zu dokumentieren. Um 13.30 Indischer Zeit betreten wir also weibliches Territorium. Als so ziemlicher einziger hellhäutiger in unserem Viertel bin ich es ja mittlerweile schon gewohnt, aufzufallen, aber sich als Mann in einer Frauenuni zu bewegen und nach der Herrentoilette zu fragen, ist noch mal was anderes. Im Vortrag sitzen dann überraschenderweise nur Professorinnen und Sozialarbeiterinnen, keine Studentinnen.

Mittwoch, 15.2.:

Es gibt einen unerwartet langen Stromausfall. Normalerweise, ist der hier immer zwischen 5 und 6 Uhr Abends, diesmal mehrmals und länger. Man erzählt uns, die Regierung wolle damit ihren Unmut gegenüber der zunehmenden AKW-Bewegung Ausdruck verschaffen.

Donnerstag, 16.2.:

Diesen Donnerstag sind wir auf eine muslimische Hochzeit eingeladen. Äußerlich unterscheidet sie sich nicht sonderlich von einer hinduistischen oder christlichen Hochzeit in Indien (zum gesprochenen Wort kann ich natürlich nichts sagen, da ich kein Tamil verstehe). Der einzige Unterschied ist: Männer und Frauen sitzen getrennt: Die Männer links in Weiß und die Frauen rechts in Schwarz (und ich Unwissender in Bordeaux-Rot auf der Empore).

Muslimisches Hochzeitspaar

Freitag, 17.2.:

Keine besonderen Vorkommnisse.

Ohne Titel

Samstag, 18.2.:

Die Gasteltern treten heute ihre Mumbai-Reise an. Sie sind im Rahmen des Rainbow-Projektes (Kinderheime und Schulen für Waisen und Halbwaisen) zu einer zweitägigen Konferenz am Tata-Institute for social science eingeladen. Eigentlich wollten Annika und ich sie begleiten, aber dann hieß es zwei Tage vorher, es seien keine Zimmer mehr frei und keine günstigen Flüge mehr verfügbar, sodass wir für die Hin- und für die Rückreise jeweils 24 Stunden Zugfahren müssten, worauf ich dann doch nicht so erpicht bin. Bis zum 24. Morgens übergeben sie uns also die Verantwortung auf das Haus und die beiden Jungs aufzupassen. Nach der Verabschiedung besteht unsere erste Verantwortung darin, einen der beiden Jungs zu einer Schulfeier zu begleiten. Er hat den ersten Preis im Malwettbewerb gemacht und darf deshalb in Begleitung seiner Eltern (oder eben in diesem Fall der Vertretung seiner Eltern) seinen Preis entgegennehmen. Die Militärkapelle der Schüler spielt zu diesem Anlass unter anderem „We shall overcome“. Nach der Verleihung strahlt er uns an: Thank you for coming with me, you made me so much more interesting for my classmates!

19.2. – 24.2.:

In diesen Tagen sind wir mehr oder weniger an das Haus gebunden, daher machen wir es uns hier gemütlich, wechseln uns mit den Jungs mit Maggi-kochen ab und wir versuchen mit mäßigem Erfolg, den Älteren der beiden davon zu überzeugen, dass angesichts seiner bevorstehenden Prüfungen lernen sinnvoller ist als computerspielen. An einem Nachmittag erkunden wir die Nachbarschaft und stellen fest, dass nur wenige Kilometer hinter der Hauptverkehrsstraße die laute Stadt plötzlich aussieht wie ein kleines Dorf, mit Blätterhäusern, Bäumen und an einem See gelegen. Meine Sehnsucht nach einem freien Blick auf eine Ebene Fläche (ich bin kürzlich darüber erschrocken, wie ich, auf einer Brücke über den Eisenbahgleisen stehend den Anblick der geraden, parallel zueinander gen Horizont verlaufenen Gleise genieße)  treibt mich dazu, einen Platz zu finden, wo man direkt an den See heran kommt, doch der einzige zugängliche Uferstreifen scheint die öffentliche Toilette des Quartiers zu sein, wo wir dann doch lieber nicht hingehen (in Indien benutzt man traditionellerweise Uferstreifen als öffentliche Toiletten, was sich erst seit kurzem in den Regionen verändert hat, die einen Anschluss an die Kanalisation bekommen haben).

Dorf in der Stadt

Samstag, 25.2.:

Ganz ergriffen von einem Anflug von Spontanität starte ich um 10.00 Uhr morgens eine Reise nach Tirumala, ca. 160 km nordwestlich von Chennai. Hauptsächlich aus zwei Gründen: Es ist im Lonely Planet als sehenswürdig ausgewiesen und bei google maps sieht das Gebiet von oben waldig aus. Doch statt Natur erwartet mich der mit einer Milliarde Rupees täglichen Spendeneinnahmen angeblich reichste Tempel der Welt, der auf einem Berg liegt, zu dem nicht ein geschlängelter Wanderpfad führt, sondern eine komplett überdacht Pilgerautobahn mit 3700 Treppenstufen.

Pilgerweg zum Tempelberg Tirumala

Aber zum bin ich mittlerweile geübt darin, meine falschen Vorstellungen schnell beiseite zu schieben und zu genießen, was da ist: Da sind viele, kontaktfreudige und freundliche Pilger, sodass man sich wirklich anstrengen müsste, um den Weg alleine und ohne irgendwelche Gespräche zurückzulegen; da sind links und rechts vom Weg super beeindruckende riesige Bäume, die offensichtliche heilige Plätze darstellen und von Steinbänken umrundet sind; da sind Menschen, die auf ihrem Weg jede der 3700 Stufen mit den Fingern mit gelber und roter Farbe markieren, sodass die Stufen in hellen Farben leuchten; da sind alle barfuß; und da sind immer wieder kleine Ausblicke auf die bewaldeten Berge mit Felsvorsprüngen und Menschen, die einen waren vom Weg abzuweichen, weil es dort immer wieder Übergriffe von Tigern gibt. Die Heimfahrt mit dem Zug ist ebenfalls mal wieder sehr beeindruckend. Mein kühles deutsches Gemüt wird durchspült von einem Cocktail unterschiedlichster Gefühle. Vor dem Fenster des Zuges stehen zwei Frauen, die ihren Männern hinterherweinen und  die dazugehörigen Männer im Abteil sind Monumente von Traurigkeit und Sehnsucht. Dann wird es laut, sehr laut in der Sitzreihe gegenüber: Man streitet sich darum, wer zuerst auf dem Sitz war, wer für wen was freigehalten hat und ich bin für einen Moment lang froh, dass ich kein Tamil verstehe und dass keiner der Beteiligten eine Waffe bei sich trägt. Neben mir ein paar Jungs, die sich in den Armen liegen, einfach weil sie Freunde sind.

Der Weg von Tirupati nach Tirumala muss barfuß zurückgelegt werden, aber man geht auch nur in Ausnahmefällen abseits des gepflasterten Wegs

Montag, 27.2.:

Mit meinem Kollegen Anto bespreche ich die Online-Anwendung, die ich mit google sites zusammengebastelt habe, um Anwesenheitslisten, Wochenberichte, Monatsberichte, Kontaktlisten und versendete Anträge in „maschinenlesbarer Form“ zu dokumentieren. Einmal mehr merke ich, dass es unbedingt notwendig ist, solche Sachen mit den Anwendern zusammen zu entwickeln. Die zeigen allerdings bislang nur mäßiges Interesse, wohingegen ich überzeugt bin, dass es vieles sehr vereinfachen würde.

Von der Staubmetropole ins Grüne, die „sleeper class“ und das Akteurs-Netz der Fischerei

Februar 5, 2012 § Ein Kommentar

Mein Steißbein tut schon seit Wochen weh, wahrscheinlich liegts an der Motorrad-Schlagloch-Kombination, aber das macht nichts. Ich liege auf einem Bett, an dem der Sternenhimmel vorbeifährt, während ich meine Lieblingsmusik im Kopfhörer habe. Nachtbus von Staubmetropole Chennai ins grüne Cochin mit Vorfreude und Freiheit im Gepäck. Das könnte auch ein Songtitel sein. Am ersten Tag in Cochin ist baden angesagt. Die Wellen sind perfekt und es gelingt mir ein paar mal auf einer Welle an den Strand zu schwimmen, natürlich schön warm das Wasser. Während ich mich dann Lufttrocknen lasse, ein Kapitel Bhagavatgita im mp3-player, schaue ich zwei Leuten beim Sonnenuntergang zu, wie sie sich eine Kokusnuss im Wasser zuwerfen. Die Bhagavatgita ist allerdings etwas schwere Kost, voller Widersprüche und rechtfertigt unverhohlen Gewalt. Trotzdem verstehe ich die Empörung der Inder, die sich hier breit gemacht hat, als im Dezember Russland das Buch als extremistische Schrift verbieten lassen wollte. Gott (Brahman) erscheint hier als eine Art Naturgewalt, die alle vernichtet, die nicht absichtslos handeln. Es gibt demnach unterschiedliche Wege, diesen Gott zu erfahren – durch Genuss, Studium, Künste, etc., eine Beziehung ist aber nicht möglich und die Menschen, die diesen Gott angeblich wirklich erkennen können, seien eine extreme Seltenheit (alle Angaben ohne Gewähr, da extremst verkürzt).
Am nächsten Tag gibt es dann eine Bootstour durch die dschungelähnlich umwachsenden Flusskanäle um Cochin herum. Hier wird mein wieder mal mit viel Erwartungen vollgepackter Rucksack etwas leichter. Statt dem bestellten 5-Mann-Kanu sollen wir auf einem Boot neben 30 anderen Touristen platz nehmen. Die vorbeiziehende Landschaft rück dadurch in sichere Entfernung, bei der immer noch 10 Fotokameras zwischen die Natur und mich passen.

Bootsfahrt bei Cochin

Diese Erfahrung wiederholt sich, als wir dann am nächsten Tag im Bus sitzen und den Rest der ca. 300 km von Cochin zum Nationalpark Wayanad zurücklegen. Die Straße führt durch wunderschöne Landschaften, Wälder, an Flussufern vorbei, ich verspüre Lust, einfach sofort auszusteigen, irgendwo dort ein Zelt aufzustellen und ein Woche dort zu bleiben, aber der Bus fährt und fährt, ich habe weder ein Zelt, noch eine Woche und die Landschaft zieht vorbei. Was ich beim Sternenhimmel noch genossen habe, wird nun zum Ärgernis. Also tapfer ein paar verwackelte Fotos machen und weiter. Aber noch einmal eine kurze Blende zurück. Die Fahrt von Cochin nach Wayanad begann am Vortag, abends um 23:30 mit einem Nachtzug. Da wir (4 Deutsche, die sich über ein paar Ecken alle von zu Hause aus kennen) das erst nachmittags erfahren, bleiben uns einige Stunden, um vom Bahnhof aus mitsamt unserem Gepäck irgendwas zu unternehmen, um jene Stunden, die uns da unerwartet in den Schoß fallen, maximal auszubeuten. Da wir alle ziemlich müde sind, fällt die Entscheidung schließlich auf Kino. Der einzige englische Film, der gerade gezeigt wird heißt irgendwas mit „revenge“ und „snake“ oder „dragon“. Obwohl die Animation im Film zu etwa 30% aus anderen bekannten Filmen kopiert wurden, wird uns gute Unterhaltung geboten, natürlich mit viel action, die aber ohne schwarz-weiß-Denken auskommt. Nicht aber kommt ein Film im indischen Kino ohne Kußszenen aus, bei denen die Zuschauer in lauten Jubel ausbrechen.

Als ich beim Besteigen unseres Zuges erfahre, was genau „Sleeper Class“ bedeutet, möchte ich nicht gleich in Jubel ausbrechen. Mit einigem Gedränge gelingt es uns, jeweils einen halben Stehplatz zu ergattern. Für vier Stunden ist das etwas wenig. Während ich mich in die innere emigration begebe und versuche auf mindestens einem Auge zu schlafen, hat die kuschelige Atmosphäre auf meine 19-jährigen deutschen Mitreisenden eher eine belebende Wirkung. Sie führen intensive Gespräche mit ihren gleichaltrigen indischen Zeitgenossen, die an diesem Tag ihre zentrale Abschlussprüfung bei der Ausbildung zu Eisenbahnpersonal hatten. So fahren wir, halb stehend, halb liegend, halb übereinander, halb nebeneinander, halb diskutierend, halb dösend, halb gestern, halb morgen, dem Morgengrauen entgegen.

Der nächste Tag, nun in Wayanad (Sultan Bathery) bestand aus… schlafen.

Berg und Tal

Ein Vogelzwitschern erfüllt den Raum, ich kenne dieses Zwitschern sehr genau, ich bin darauf konditioniert, man könnte fast sagen abgerichtet. Es ist das Wecksignal meines Handys. An diesem Morgen bedeutet es so viel wie: Aufwachen, ihr schnarchsäcke, der Berg ruft! Ein Chabatti und einem Masala-Chai später machen wir uns auf den Weg zum höchsten Gipfel im Naturschutzgebiet in Wayanad (ca. 2500 Meter). Wir kommen vorbei an Kaffee-Trocknungs-Anlagen, die stauben, wenn die Arbeiter den Kaffee wenden, weil sich dort über Nacht immer der Schimmel auf dem Kaffee ablagert, wie man uns erklärt, an Teeplantagen, die von oben aussehen wie das Spielbrett von „Siedler von Kathan“, an einem Trupp Pestizide-Spritzern in Gummijacken, an Frauen, die die Teehecken schneiden, durch einen kleinen Wald und schließlich über die Baumgrenze. Der Berg ist ein eher sanfter Zeitgenosse, bis oben dicht mit Gras bewachsen und ohne jegliche Felsvorsprünge oder Kanten. Eher ein ziemlich hoher Hügel. Erst hinterher fällt mir auf, dass ich nach dem Aufstehen kein einzige Vogelzwitschern mehr gehört habe, anscheinend ist dies nicht die Welt der Vögel. Dafür hören wir von Gipfel aus in einem etwa 300 Meter entfernten Tal ein Geräusch als würde sich gerade das ganze Tal wie Butterbrotpapier zusammenfalten: Die Grillen veranstalten dort eine „Grillparty“ (Kalauer des Tages!).

Teeplantage

Oben machen wir ein paar Spring-Fotos für unseren großen Bruder Facebook – schließlich mussten wir für jede unsere 4 Kameras extra zahlen – diskutieren über Berlin, verrückte Randgruppen, Bundespräsidenten und auch ein bisschen über Indien und kommen ziemlich dehydriert und mit leichtem Sonnenbrand, dafür aber mit Luftdurchfluteten Lungen und wohlbehalten wieder in der Stadt am Rande des Berges an. Wir setzen uns in ein Restaurant, leeren viele frisch gepresste Zitronenlimonaden und viele Liter Wasser, wärend einer von uns mit Migräne unterm Tisch schläft. Der Tisch hatte eine Glasplatte und die uns umgebenen Gäste waren auch etwas neugierig, aber uns kennt hier ja keiner.

Der letzte Tag der Reise gehörte dann der wunderbaren Stadt Meysore. Eine spontane Fahrt mit einer Pferdekutsche durch die Stadt und ein zehnminütiger Besuch auf dem Palast-Gelände haben schon ausgereicht, um festzustellen, dass ein halber Tag definitiv zu wenig ist, um Meysore zu besichtigen!

Palast von Meysore

Auf der Rückfahrt hatten wir dann statt „Sleeper Class“ ein „AC3“-Ticket für den Nachtzug. Das ist die nächst höhere Klasse, etwas langweiliger, dafür aber mit reservierten Betten. Pünklich um 9:00 Uhr morgens waren wir dann am Donnerstag morgen wieder im PLANT-Büro in Chennai und einsatzbereit.

Im PLANT-Büro ist inzwischen eine Paket mit einer neuen Publikation angekommen, für die auch PLANT einige Daten geliefert hat. Sie heißt „District Stakeholder & Livelihoods Analysis Report“ Sie ist herausgegeben von der Organisation „Fisheries Management for Sustainable Livelihoods (FIMSUL)“ und beschreibt, welche Interessengruppen es im Fischerei-Bereich in der Umgebung von Chennai so gibt, welche Probleme sie haben, wie sie damit umgehen und wie sie miteinander zusammenhängen. Als ich die Tabellendarstellungen in dem Heft sehe, fange ich unwillkürlich an, darüber nachzudenken, wie man die 30 Seiten in einer einzigen Pfeile-Grafik darstellen könnte.

Beispiel-Tabelle: Review of seasonal dimensions of stakeholder livelihoods

Am Ende noch ein kleines Schmankerl: Ein Mitschnitt einer spontanen Jamsession von einem meiner kleinen Gastbrüder und mir, gespielt auf einer kleinen Trommel, die ich zu überhöhtem Preis von einem Verkäufer am Strand in Ponducherry gekauft hab.

Honig der Apokalypse, Oheim Öhm & Muhme und die ungeplante Feierlichkeit

Januar 23, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

„Fabian, I have one question, Fabian. Do you think the world will end in 2012? Do you know the Mayan Calendar? Can we see it in the internet, Fabian? In the TV they say the world will end, there was even one guy who said, if the world will not end 2012 he will kill himself. Many people say the world will end this year…“ Meine beiden „Tambis“ (kleinen Brüder) erinnern mich in den letzten Wochen manchmal an Warteschleifenmusik. Nur mit dem Unterschied, dass es mich ins Grübeln bringt. Bewegt dieser Blödsinn auch wo anders auf der Welt so die Gemüter? Vorgestern haben sie hier im Fernsehen einen amerikanischen Blockbuster (auf Tamil) gezeigt über den Weltuntergang 2012 und mir war, als hätte jemand ins Becken gepinkelt. Für Kinder ist das eben nicht bloß Unterhaltung, sie nehmen so was ernst (ok, es gibt augenscheinlich auch ältere Zeitgenossen, die gerne auf dieser Welle schwimmen). In Auroville, einer Art Modellstadt für den New Age-lifestyle, ca. 200 Km südlich von Chennai, hat man, obwohl der Zyklon „Thane“ Ende Dezember mit etwa 140 Kmh 80% aller Bäume dort entwurzelt hat, vermutlich eine positivere Vision davon, wessen die Welt entgegenstrebt. In einem kleinen Heftchen, das von einem ihrer Gründer Sri Aurobindo geschrieben wurde, lese ich folgende interessante Sätze: „And what is the end of the whole matter? As if honey could taste itself and all its drops together and all its drops could taste each other and each the whole honeycomb as itself, so should the end be with God and the soul of man and the universe.“ Sri Aurobindo ist übrigens der Ansicht, dass sich Gott und Natur in einer Art Liebesspiel betätigen: Beide verstecken sich voreinander und überwältigen sich gegenseitig im Menschen.

Eine andere Dauerschleife der vergangenen Tage hört sich in etwa so an: „yes, that’s clear, but how do you call the the daughter of you father’s brother? Ist there a difference to the daughter of the father’s sister? I mean, is this still the core family then? – Yes, I told you before, no? The is even a difference between how their brothers will tell them and how their sisters will call them, so, when it is the oldest of all… – wait, I think I did not get it. – Why? See, it’s very easy:…“ Ich versuche verzweifelt, ein System hinter den vielen verschiedenen Bezeichnungen für Verwandtschaftsverhältnisse in Indien zu finden. Etwa drei Wochen lang ohne Erfolg. Gestern ist dann doch endlich der Knoten geplatzt und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, zu sehen in der folgenden Grafik der woche (zum Vergrößern anklicken):

Bezeichnungen für Verwandschaftsverhältnisse in indischen Großfamilien

Man sagt ja, dass eine Sache umso wichtiger in einer Kultur ist, je mehr Worte es dafür gibt. Von diesem Standpunkt aus muss man wohl sagen, dass die Familie in Indien wesentlich wichtiger ist als in Deutschland, wobei es auch in Deutschland mal wesentlich mehr Begriffe für Verwandtschaftsverhältnisse gab. Aber wer weiß noch, was Oheim, Ohm, Öhm oder Muhme sind? Angeblich gab es mal eine Studie unter Ureinwohnern, die nur Begriffe für zwei Farben kannten: Blau und Rot. Nachdem man ihnen auch Begriffe für lauter andere Farben beibrachte, berichteten sie, sie würden plötzlich viel mehr Farben wahrnehmen. Ähnliches würde nun wahrscheinlich mit mir passieren, wenn ich eine größere Familie hätte.

Am Samstag, den 14., gleich nach einem solcher Tage, an dem ebenfalls manche Menschen meinen, das Ender der Welt sei näher als an anderen Tagen, stehe ich schon um 7.00 Uhr morgens auf, was mich wie erwartet einige Überwindung kostet, ziehe mich schick an, lege mein Feiertagslächeln auf und gehe hoch zum Frühstück. Es ist Pongal, eines der wichtigsten Feste in Tamil Nadu. Pongal ist vergleichbar mit Erntedank. Die Bauern freuen sich an diesem Tag besondern, die Reisernte einzuholen (allerdings gibt es hier drei Reisernten im Jahr). Traditionellerweise fangen in diesem Moment die ersten Bauern an, in der Morgensonne ein kleines Feuer vor einem bunt geschmückten Erntedank-Altar anzuzünden und einen Pott Reis zu kochen. Das ist auch der Grund, weshalb wir gester vereinbart haben so früh aufzustehen: Wir wollen sehen, wie sie den Reis kochen und dann schließlich, sobald das ganze anfängt zu schäumen, offiziell und lautstark das neue jahr begrüßen. Doch als ich in die Küche komme, bin ich augenscheinlich vorerst der einzige mit Feiertagslächeln und Frühstückshunger. Nach einigen Minuten erscheinen auch andere Gestalten, die durch ihre halb geöffneten Augen treffsicher meinen Kaffedurst deuten und wir trinken erst mal eine Runde Kaffe mit mehr Milch als Kaffee und viel Zucker, so wie es hier üblich ist. Planmäßig wollten wir vor einer halben Stunde gestartet sein und die Ruhe meiner Mitbewohner signalisiert mir, dass sich die Pläne mal wieder spontan geändert haben. Urspünglich wollten wir in ein Bauerndorf fahren, wo man Pongal noch richtig traditionell mit schmücken und Umzug und so feiert, das wäre etwa eine Stunde Fahrt. Ich habe mich etwa 10 mal bei meinem Gastvater versichert, dass wir wirklich dort hinfahren, weil ich dafür meine Kerala-Fahrt verschoben haben, deshalb hat er jetzt wohl ein etwas schlechtes Gewissen. In solchen Situationen pflegt er das Mobiltelefon zu zücken und jemanden aus seinem riesigen sozialen Netzwerk nach einer Lösung zu fragen. Und siehe da, es ergibt sich, dass wir zu Freunden in Chennai rüberfahren und dort an ihrer Pongal-Feier teilnehmen.

traditionelles Pongal-Arrangement: Kochtopf mit Reis (Pongal) vor frisch geernteten Früchten

Als wir uns alle auf ihrem kleinen Balkon drängen und der Feuerqualm zusammen mit Räucherkegeln und -Stäbchen, sowie Obst ein interessantes Duftgemisch unter der Morgensonne hervorbringt, kommt auch eine gewisse feierliche Stimmung auf. Nach einigen Minuten machen wir es uns dann im sehr urig und phantasievoll eingerichteten Wohnzimmer bequem, essen Kekse trinken tee und während wir interessante Theorien über die Geschichte Indiens austauschen, schäumt draußen der Pongal-Topf über und ich verpasste beinahe zum zweiten Mal in diesem Jahr das neue Jahr.

Am Sonntag sind wir dann bei einem Abendgottesdienst der katholischen Kirche hier. Das ganze beginnt mit einem Fest, es wird Musik gespielt und als wir auf dem Vorplatz erscheinen, bietet man mir und der anderen Freiwilligen zwei omnipräsente Plastikstühle an, die man für uns direkt vor die Bühne stellt und uns somit zu den VIPs erhebt. Ich fühle mich etwas unwohl und frage mich: „Was haben die mit uns vor?“ Aber am Ende soll ich nur einen der Preise an eine der tollen bunten und fröhlichen Tanzgruppen überreichen. Nach dem Gottesdienst gibt es ein traditionelles Pongal-Spiel, dass an Topfschlagen erinnert, nur dass der Topf an einem Seil in etwa 3 Metern höhe hängt. Ziel ist es, den Topf mit verbundenen Augen mit einem Stock zu zerschlagen. Alle haben riesigen Spaß. Danach gibt es noch einen kurzen Kreistanz und bei Einbruch der Moskitos machen wir uns wieder auf den Heimweg.

Pongal-Tanz auf dem Kirchplatz

Das war Cow-Pongal (was in der Stadt nicht mehr mit Kühen zu tun hat). Am Montag folgt noch Sightseeing-Pongal, wo traditioneller Weise alle Familien zusammen rausfahren. Genauer gesagt: in den einzigen Park der Stadt fahren, der an diesem Tage geöffnet ist: Der Guindy Park. Klar, das hätten wir eigentlich vorher ahnen können, als Annika (die andere Freiwillige) und ich uns auf der Suche nach etwas grünem und etwas Ruhe vom Stadtlärm in Richtung Parkanlagen bewegen. Der Gunindy Park ist eine Mischung aus Park und Zoo und an diesem Seightseeing-Pongal ist das Gedränge vor den Käfigen sogar größer als in den Käfigen. Die Hauptattraktion sind an diesem Tag allerdings, so scheint es, zwei weißhäutige Examplare der Gattung Homo Sapiens. Gefühlt jeder dritte möchte ein Foto mit uns machen, oder dass wir ein Foto von ihnen machen, oder möchte einfach nur wissen „whatisyournamehowdoyoulikeindia?“ Nachdem uns dann die zweite Familie ihr Kleinkind auf den Schoß setzt, um ein Foto zu machen, beschließen wir entschieden aber bedächtig den Heimweg anzutreten.

Ein letztes Ereignis, das wohl in seiner Bedeutung gleich hinter Pongal anzusiedeln ist, lässt sich auf den 21. Januar 2012 datieren. Es ist der Tag, an dem wir unser Büro aufräumten und ich mein Zimmer. Anlass war ein anstehendes Treffen ohne Namen, welches ich später in meinem Protokoll „Preliminary meeting to form a network to facilitate a sustainable development of the Tamilnadu coastal ecosystem through land planning and training“ genannt habe. Eine dänische Organisation war mit von der Partie und vor den Europäern macht man immer gerne einen guten Eindruck. Nachdem wir das Büro aufgeräumt hatten, wirkte nicht nur das Büro komplett verändert, freundlicher, heller, einladender, nein, es hat sich auch auf unsere Gesichter ein leichter Glanz gelegt. John war so beeindruckt und ergriffen von dem Anblick, dass er mit und Annika sofort die Aufgabe übertrug, ab jetzt das Büro in diesem Zustand zu halten, von nun an werde regelmäßig aufgeräumt, und hielt eine feierlich wirkende Besprechung mit uns ab, in der wir minutiös das Vorgehen der nächsten Tage besprachen und wuchs dabei über sich hinaus, sodass er einen Staatsmann hätte abgeben können. Und tatsächlich spielt er mit dem Gedanken mal für ein politisches Amt zu kandidieren, der Wahlkampf wäre für ihn aber unbezahlbar.

Die Ausführungen über Spiele in Indien, die ich letztes Mal angekündigt hatte, bringe ich dann vielleicht im nächsten Beitrag. Für diese Woche plane ich eine 5-tägige Kerala-Reise zu machen, davon werde ich dann hoffentlich nächste Woche erzählen können.

Offline-Netzwerke, die Zeit als Salami und warum ich auch der „German James Bond“ genannt werde

Januar 15, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Was macht PLANT gerade so – und wenn ja, wie?

Derzeit bewirbt sich PLANT für vier Projekte. Falls wir für alle Zusagen bekommen sollten, würde sich der Mitarbeiterstab wohl innerhalb weniger Wochen von gegenwärtig etwa fünf auf fünfzig erhöhen. Sie würden allerdings nicht eingestellt, sondern eher beauftragt werden. Netzwerke sind flexible und komplexe Gebilde, die man vermutlich nur dann ganz versteht, wenn man sie selbst aufgebaut hat. Wobei „aufbauen“ in diesem Zusammenhang ein völlig unpassender Begriff ist. Es ziemlich wenig mit der deutschen systematischen und technokratischen Vorgehensweise beim Netzwerke aufbauen zu tun, nichts mit Xing, Stakeholderanalyse, account management oder Adressverwaltung. Meine Kollekgen hier bei PLANT knüpfen ganz einfach Freundschaften, natürlich auch manchmal nicht ganz ohne geschäftliche Interessen (soweit man bei NGOs von „Geschäften“ reden kann), aber sie vermeiden es größtenteils Beruf und Privatleben voneinander zu trennen. Beziehungen sind hier ALLES! Die vier Projekte, für die sich PLANT gerade bewirbt, sind:

  • in vier weiteren Fischerdörfern in Tamil Nadu den Bau und Installation von künstlichen Riffen anzuleiten (das sind Beton-Strukturen, die den Fischen auf dem verwüsteten Meeresgrund wieder geschützte Plätze zum Laichen bieten)
  • Beauftragung einer Organisation zum Aufbau von Heimen und Schulen von Waisenkindern („Rainbow-project“)
  • Unterschiedliche Hilfsmaßnahmen für die Dorfbevölkerung, die beim Zyklon „Thane“ vor zwei Wochen Häuser, Ernte, Vieh, etc. verloren haben
  • Einführung von 207 self-help-groups (selbsttätige Erwerbsarbeit) und 107 community-based-organizations in Dörfern in Gujarat

Für den Antrag auf Hilfsgelder in Bezug auf den Zyklon „Thane“ habe ich eine Recherche durchgeführt und einen fünfseitigen Bericht verfasst, der dann an diverse Hilfsorganisationen rausgegangen ist. Das war gestern. Bis jetzt warten wir noch auf Antworten. Nebenbei erstelle ich gerade eine Info-Broschüre beziehungsweise Werbeflyer für unser Ökotourismus-Paket (man kann, wie in einem vorherigen Blogbeitrag beschrieben, mit dem Boot auf den schönen Pulicat-Lake fahren, Vögel beobachten, einen entspannten oder sportlichen Tag am Strand verbringen, Sehenswürdigkeiten in einer nahegelegenen Stadt anschauen fahren, eine unterkunft mieten und wird die ganze Zeit über verpflegt). Die Hauptzielgruppe sind dabei Leute aus der Region. Zudem habe ich einen Prospekt über PLANT erstellt, der bei meinem Chef leider in Ungnade gefallen ist. Warum konnte ich bisher leider nicht genau herausfinden, aber vielleicht hat unter anderem folgende deutsch-technokratische Abbildung zu seinem Befremden beigetragen (für größere Darstellung anklicken):

PLANT income generation scheme

Die richtigen Fragen stellen 

Da der Lerneffekt bei meiner Arbeit eher mittelmäßig ist, möchte ich die Zeit jenseits der Arbeit so gut wie möglich und jedenfalls besser als bisher ausnutzen. Sehr beeindruckt hat mich der japanische Professor, der zwei Wochen lang bei unsmitgewohnt hat: Jede Minute hat er als eine chance gesehen, etwas zu lernen oder jemandem etwas beizubringen. In meinen Augen war das nur möglich, weil er eine sehr genaue Vorstellung davon hat, welche Fragen ihn bewegen. Das hat mich zu der Ansicht gebracht, dass ich jetzt, nachdem sich mir hier einige Fragen aufgedrängt haben, anfangen sollte, die zu formulieren und zu beantworten. Hier ein erster Versuch:

1. Wie unterscheidet sich das Zeitverständnis zwischen der indischen und der deutschen Kultur?

Maisverkäuferin am Marina Beach

Man könnte es positiv so ausdrücken: Die Inder verfallen nicht wie die Deutschen der Hybris, man könne über zeigt verfügen, wie über eine Salami, die man in bestimmten Rationen über eine Woche lang verzehrt und noch ein kleines Stück mit seinem Nachbarn teilt. Während wir in Deutschland schön säuberlich trennen zwischen „meiner“ Zeit und der Zeit der Anderen, lässt sich hier jeder Moment nur im Verhältnis zu dem definieren, was gerade unmittelbar um einen herum passiert. Es gibt hier einfach viel zu viele unbekannte Variablen, die ständig in die eigene Zeitplanung eingreifen. Ich frage mich, ob diese Variablen in Deutschland berechenbarer sind, oder ob wir einfach nur so tun, als könnten wir nur so tun, als könnten wir unsere Zeit selbständig planen? Es ist schon irgendwie bezeichnend, dass ich Indien noch nie jemanden habe sagen hören „Ich habe heute schon wieder nicht geschafft, was ich eigentlich schaffen wollte“.

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Die Erwartungen zwischen den Jahren

Januar 3, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine kleine Richtigstellung vorweg: Ich habe mir von einigen Indern bestätigen lassen, dass Camping in Indien so gut wie unbekannt ist. Die Idee mit dem Campingplatz ist also erstmal wieder vom Tisch. Stattdessen werden wir wohl eher versuchen eine Broschüre zur Bewerbung von ein paar Ferienwohnungen in der Region zu erstellen.

Zwischen den Jahren

Eine großes Shoppingcenter im Stadtzentrum im westlichen Stil versucht erwartungen an Geschenke zu wecken

Hinter mir liegen jetzt Weihnachten und Silvester. Von beiden Festen erwartet der gemeine Mitteleuropäer relativ viel, dass sie ergreifende Feste werden, etc. Diese Erwartungshaltung habe ich hier in Indien (zumindest bei den Leuten, mit denen ich zu tun habe) nicht so stark erlebt. Und beide Feste waren auch nicht so spektakulär. Das Weihnachtsfest in kleiner Runde mit gutem Essen, das gemeinsam am Boden sitzend genossen wurde (und ohne Geschenke) wurde leider von einem Unfall in der Verwandschaft überschattet. Der Betroffene ist aber wieder gesund.

Christ-Mass

An Silvester habe ich bis ein paar Stunden vorher noch überlegt, was ich mache und mich dann doch entschlossen zu einer im internet beworbenen Silvesterfeier in die Stadt zu fahren. Leider bin ich dort nie angekommen ich hab mich mit der zeit verschätzt und es dann auch nicht gefunden. Also habe ich nach 1,5 Stunden Bus und 1,5 Stunden Fuß an Mitternacht vor einer Kirche an einer Hauptstraße auf einem Plastikstuhl gesessen und den Glocken zugehört. Als die Glocken ausgeklungen waren, erklang die Stimme des Priesters in den Lautsprechern vor der Kirche – leider dermaßen unmotiviert und müde, dass ich mich dazu entschlossen habe, noch etwas die Straße weiter hinunterlaufen, um nicht sofort einzuschlafen. Ganz tief innen hatte ich auch immernoch die Hoffnung, vielleicht doch noch die Partylocation zu finden und dort auch noch reinzukommen, woran ich mittlerweile, komplett schweiß-durchnässt und von Frisur keine Spur mehr und nicht mal eine hübsche Dame im Schlepptau, allerdings zweifelte. Trotzdem bin ich noch etwas weiter die Straße hinuntergelaufen, habe ein paar ausgelassenen Leuten mit „Happy New Year“ die Hände geschüttelt, Ballon-Verkäufer abgewimmelt und betrunkenen Motorradfahrern dabei zugeschaut, wie sie mit dem heruntergeklappten Metallständer in voller fahrt Funken auf der Straße verprühen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keinen Tropfen Alkohol getrunken, da hier alles um 10.30 dicht macht, bis auf eben solche angemeldete Parties, von denen ich immernoch eine suchte, kleine Mini-Läden, die nur Süßigkeiten verkaufen und… ja, ein Kentucky Fried Chicken, wo ich zum feierlichen Abschluss des Abends und feierlichen Eröffnung des neuen Jahren eine Portion Pommes und einen kalten Kaffe gekauft habe (warmen Kaffe gab es nicht, wurde ich aufgeklärt).

Später in der Zeitung: Ein Bericht über betrunkene Motorradfahrer, die mit ihrem heruntergeklappten Metallständer funken sprühen - anscheinend ein Massenphänomen an Silvester

Angesichts dessen, dass eine Fahrt zurück mit dem Rikscha (Taxi-Dreirad) teurer ist als eine Übernachtung im Hotel, habe ich noch einige Minuten darauf verwendet, nach einem Zimmer zu suchen, wurde aber abermals eines besseren belehrt: An diesem Abend war alles ausgebucht. Dann beschloss ich, einem Rikscha-Fahrer ein Neujahrsgeschenk zu machen. Er schlief in seinem Rikscha auf der Rückbank, die Beine auf dem Lenker und war aber von einer Sekunde auf die nächste hellwach, als ich im lautstark verkündete „excuse me sir, sorry for waking you up, Ambattur OT, please!“ Er konnte seine Freude nur schwer verbergen. Ich allerdings saß auf dem Rücksitz und ergrimmte ob der verpassten Gelegenheit, eine indische Silversterfeier zu sehen. Meine Gastfamilie war noch wach, als ich um 2.00 Uhr nach Hause kam. Ich hätte nicht viel verpasst, sagten sie, diese Silvesterfeiern seien gar keine traditionellen indischen Feiern, sondern Discos, die geradewegs aus Europa oder USA importiert wurden. Silvester wird in Indien traditionell eigentlich nicht gefeiert. Das neue Jahr fängt hier ungefähr am 13.1. an, dann ist Pungal und da geht hier die
Post ab. Achso. Beruhigt, den Inneren Frieden wieder hergestellt, ging ich zu Bett und erfreute mich am nächsten Morgen, dank geschlossener Lokale bester Gesundheit.

Zwischen den Stühlen

Das kernelement vieler indischer Hochzeiten: Die Fotosession

Und wo ich gerade schon dabei bin, die hohen Erwartungen bezüglich der indischen Feierkultur richtigzustellen, sollte ich noch ein weiteres Beispiel bringen: Indische Hochzeiten! Ja, viele indische Hochzeiten sind wahnsinnig aufwendig mitallem Klimbim, allerdings nicht die beiden, auf denen ich bisher war. Der Ablauf war beide male ähnlich: Ca. 2 Stunden Anreise, Ankunft in der Festhalle, deren ca. 100 omnipräsente Allzweck-Plastikstühle voll besetzt sind, das Hochzeitspaar sitzt auf einer Bühne. Dann führt ein Hindu-Priester ca. 5 Minuten lang ein einfachen Ritual durch, anschließend stellen sich alle Gäste etwa 30 Minuten lang an der Bühne an, wo von ihnen zusammen mit dem Brautpaar Fotos gemacht werden. Der Gast verlässt die Bühne links und geht eine Etage höher zu den Tischreihen, wo ihm sogleich ein gutes Essen serviert wird. Zum Essen braucht der durchschnittliche Hochzeitsgast etwa 15 Minuten, danach bedankt man sich für die Einladung und tritt den Heimweg an. Natürlich kann ich nicht genau sagen, ob nicht die anderen, näheren Verwandten und bekannten länger dort bleiben und noch tanzen etc., aber die pragmatische Erscheinung der Veranstaltungen ließ eher nicht darauf schließen. Vielleicht habe ich aber durch die zwei Besuche auch ein völlig verzehrtes Bild bekommen, aber es hat mir immerhin gezeigt, dass mein Bild von indischen Hochzeiten vorher mindestens genau so verzerrt war.

Nächste Woche erzähle ich euch, warum ich hier auch der „German James Bond“ genannt werde, wie sich Tiere und Menschen in Indien die Stadt teilen und ob ich mir hier eigentlich die ganze zeit nur einen faulen Lenz mache oder auch ab und zu was arbeite.

Wissens-Diebstahl und hier muss ein Campingplatz hin!

Dezember 11, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Mir kommt es fast vor als hätten meine Arbeitskollegen hier meinen Blog gelesen (kann aber gar nicht sein, weil sie kein Deutsch verstehen). jedenfalls passiert das, was ich bis dahin für unmöglich gehalten habe, auf den großen Whiteboard in unserem Büro wird ein Plan mit sämtlichen Terminen für Dezember erstellt! ein PLAN! Und der zeigt, dass in nächster Zeit einige Projekte anstehen, jetzt gehts also endlich richtig los. Wie es aussieht, werde ich nun bis Weihnachten kaum in unserem Büro sein, sondern irgendwo unterwegs. Gerade hatte ich mich mit dem Gedanken angefreundet, genug Zeit zu haben, um meine Masterarbeit für den Verlag umzuarbeiten und mir Tutorials über web development im Internet zu Gemüte zu führen. Nun werde ich die nächsten Woche wohl doch in Indien statt im Internet verbringen.

Arbeitsplan auf dem Whiteboard im Büro

Wir fahren auf einem See, aber das Wasser, das durch ein komisches Loch im Boden des Boots kommt, schmeckt salzig. Das liegt daran, erklärt mir mein Kollege, dass das Wasser, das im See ist, aus dem Meer eingespült wird. Es ist ein sogenannter „backwater-lake“. Diese Region rund um den Ort Pulicat, ca. eine Fahrstunde nördlich von chennai, wurde von der Regierung offiziell als touristisch attraktives Gebiet eingestuft, aber touristen findet man hier nur sehr vereinzelt. Wenn, dann sind es Inder aus den umliegenden Städten. Aber bei unserem Besuch auf der Landzunge (siehe Karte) ist mir mit beim ersten Anblick klar: Dies ist der perfekte Campingplatz! Schwester Myriam, die ich von zu Hause in Deutschland kenne und die in diesen Tagen auch gerade in Chennai ist, hat unabhängig von mir direkt den gleichen Eindruck. Direkt bitte ich meine Kollegen, mir zu zeigen, wie man einen Projektvorschlag verfasst, um den Leuten in Pulicat als neue Einkommensquelle einen Campingplatz zu eröffnen – natürlich nach ökologischen Standards. Eco Tourism eben. Also, was braucht man für einen Campingplatz? Hauptsächlich wohl irgendeine Frischwasser-Versorung, ein Klo und ein paar Bäume für Schatten (die gibts da noch nicht). Bei effektiver Werbung können die Einwohner der umliegenden Dörfer dann bald anfangen, ein paar Restaurants und einen Laden für Campingausrüstung aufzumachen. Oder bin ich zu optimistisch?

Landzunge zwischen See und Meer und Wasserverbindung zwischen beiden

Der Ausflug ist nicht nur sehr schön und erholsam, er ist auch sehr nützlich. Schwester Myriam vermittelt uns einige sehr gute Adressen von Freunden in Indien, die an ähnlichen Projekten arbeiten wie wir, eine potentielle Haushaltsgehilfin und einen Ort, wo die Jungs aus meiner Gastfamilie Tischtennis spielen können.

Auf der Rückfahrt von dem inspirierenden Trip zum Pulicat Lake erzählt John vom „traditional knowledge register“, an dem auch PLANT-India teilnimmt. Seit einigen Jahrzehnten war es anscheinend gängige Praxis, dass Unternehmen aus reichen westlichen Staaten durch die indischen Dörfer gestreift sind und das traditionelle Wissen dokumentiert haben, um es danach als eigenes Patent anzumelden. Dagegen wehrt sich die Indische Regierung jetzt (leider viel zu spät) auf eine sehr clevere Weise: Sie schickt selbst Leute los, die das vorhandene traditionelle Wissen dokumentieren und als Gemeinschaftswissen patentieren und so vorzubeugen, dass der indischen Bevölkerung noch weiter ihr Recht entzogen wird, ihre eigenen traditionellen Praktiken auszuüben. Zu diesem Zweck sollen das schon bestehende „Traditional Knowledge Digital Library“  und das „People’s Biodiversity Register“ vereinigt und erweitert werden. vorerst besteht die Beteiligung von PLANT dabei aber nur darin, dass ein Kollege bei einem Meeting dabei ist. Nachdem ich von dem Projekt gehört habe, schwärme ich meinen Kollegen vor: Stellt euch vor, wie genial das ist, wenn jeder Zugang zu sämtlichem existierenden traditionellem Wissen hätte! Die Sollen einfach ein Wiki machen! Nach einem genaueren Blick in die Agenda des Projektes stelle ich aber schnell fest, dass das ganze nicht frei zugänglich sein soll, sondern nur für Mitglieder aufrufbar. Warum?? Vielleicht ergibt sich ja demnächst eine Möglichkeit, den Verantwortlichen ins Gewissen zu reden, das halte ich aber für ziemlich unwahrscheinlich.

UPDATE, 4.1.2012:

Das Thema Datenbanken zum Schutz traditionellen Wissens hat es heute doch glatt auf die Titelseite der TIMES OF INDIA geschafft...

An unserem Haus hängt jetzt in der Adventszeit auch ein von innen beleuchteter Weihnachtsstern, der ein bisschen aussieht wie der Herrnhuter Stern. Ich frage mich, ob sich tatsächlich der Papierstern, den die kleine deutsche Gemeinde Herrnhut einstmals hergestellt hat, derart über die ganze Welt verbreitet hat oder ob ein von innen beleuchteter Papierstern einfach ein so allgemeines Sysmbol ist, dass das miteinander nichts zu tun hat. In Indien kann man in dieser Zeit jedenfalls alle christlichen Häuser leicht daran erkennen, dass an ihnen am Abend ein großer Papierstern leuchtet.

Weihnachtsstern

Wo bin ich?

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