Handies, Autos und Zeitgefühl

Dezember 1, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Eigentlich bin ich unter anderem genau dafür hergekommen: Ein anderes Zeit- und Lebensgefühl entdecken. Nun sehne ich mich nach Kalendern mit Terminen drin, nach Fahrplänen, nach Stadtkarten, nach einheitlichen Ortsnamen, einer einheitlichen Rechtschreibung, danach dass ein Ja ein Ja ist und eine Nein ein Nein. All das würde mir irgendwie helfen, frei und unabhängig meine Umgebung zu erkunden. Aber halt: Die Terminkalender und all die Regeln sind doch eigentlich das, was einen in Deutschland so unfrei fühlen lässt? Ich sitze zwischen den Stühlen, aber für den Moment ist es
da eigentlich sehr interessant.

Worauf diese Einleitung hauptsächlich abzielt: Die „Arbeit“ in meinem Projekt hat immer noch nicht so richtig angefangen und es ist mir auch derzeit etwas unklar, wann es denn so richtig losgeht. Die letzten zwei Tagen waren wir mit dem PLANT-Team zwar auf Achse für unser Projekt, aber das sah beide male etwa so aus: Drei Stunden Anfahrt zu einem Auswärts-Termin, ein vorzügliches Essen, dann etwa 1 Stunde mit freundschaftlichen Gesprächen oder mit Warten auf die wesentlichen Personen verbringen, danach etwa 30 Minuten Gespräch über das Projekt und wieder 3 Stunden zurückfahren. Und während der gesamten Zeit hat niemals irgend jemand sich beschwert, über den zähen verkehr oder darüber, dass man auf andere Leute warten muss oder über irgendetwas anderes. Warum auch? Es gibt ja keinen festen Plan, der durchkreuzt würde. Und trotzdem schafft es das PLANT-Team, eine riesige Menge an Projekten umzusetzen – und das mit mehrfach offiziell ausgezeichnetem Erfolg. Hier bleibt also noch ein Geheimnis zu lüften. Meine erste Vermutung ist: Hier wird vermutlich die meiste Arbeit einfach übers Mobiltelefon erledigt. Alle drei Minuten klingelt das Handy von einem der drei PLANT-ler mit denen ich hier derzeit zusammenarbeite. Da das alles auf Tamil ist, kann ich leider nicht verstehen, was sie sagen, aber es hört sich immer nach einem freundlichen, unverbindlichen und meist recht kurzem Plausch an. Es könnte aber sein, dass sie in dieser sehr komplakten und pragmatischen Sprache in Kürze all die nötigen Anweisungen geben, die für das Laufen der Projekte notwendig sind.

Das Mobiltelefon hat Indien vor etwa zehn Jahren ziemlich umgekrempelt, vor allem, weil sich auf einmal jeder bei jedem informieren konnte, welche Preise er für ein angebotenes Gut zahlen würde und man nicht länger davon abhängig ist, seine Waren an den nächst gelegenden Händler zu seinen Preisen zu verkaufen. Die Telefonkabel werden hier eigentlich nur noch für Internet genutzt, da Telefonieren über Handy hier nur einen Bruchteil eines Rupees kostet.

Der IT-Sektor hat hier, ezählt mir einer meiner Kollegen, ein gesamtes neues Berufsfeld geschaffen: Arbeiten im Callcenter. Da der Arbeitslohn in Indien bekanntermaßen wesentlich niedriger ist als in Europa, haben viele IT-Firmen ihre Beratungshotlines nach Indien verlegt. Aber, so fährt er fort, das hat auch ein Problem mit sich gebracht: Die Callcenter-Mitarbeiter müssen meistens nachts arbeiten, das ist schlecht für die Familen. Warum müssen die nachts arbeiten? will ich wissen. Wegen der Zeitverschiebung! Unmittelbar fühle ich eine Extraportion Empathie – auch ich muss hier regelmäßig Nachtschichten einlegen, um nach Hause telefonieren zu können und gehe dabei regelmäßig meinem Mitbewohner auf die Nerven.

Auf den stundenlangen Autofahrten habe ich Zeit, mir die schier nicht endende Anreihung von Häusern, Hütten, Protzbauten, Unterständen und sonstige Bewohnungen anzuschauen, die nur gelegentlich durch sumpfähnliche Seen unterbrochen werden, in denen sich Wasserbüffel zu Hause fühlen. Eigentlich weiß man (oder ich zumindest) nie so richtig, wann hier eine Stadt aufhört und die nächste anfängt. Ich atme auf, als ich nach zwei Stunden Autofahrt von Ferne einen Wald sehe und mache sofort mehrere Fotos mit meiner viel beanspruchten point-and-shoot-Kamera, auf denen aber im Grunde nichts besonderes zu sehen ist. Die wirklich besonderen Bilder lassen sich im vorbeifahren nur sehr schwer einfangen. Zum Beispiel ist hier fast alles bemalt. Die Autos, die Boote, die Hauswände, die Grundstücksmauern, und teilweise auch der Boden: Viele Inder pflegen die Tradition, jeden Morgen eine Art Mandala auf den Gehweg vor ihrem Hauseingang zu malen – je besser die Stimmung, desto größer und schöner.

bemalte boote

Eine Aufschrift, die mit viel Liebe auf so gut wie jeden LKW und jeden Bus gemalt ist, ist „SOUND HORN“, also auf Deutsch in etwa „Bitte hupen“. Und in der Tat ist die Hupe an einem Indischen Auto etwa genau so wichtig wie das Lenkrad, manchmal auch ein bisschen wichtiger. Aber auch mir geht es so, dass man einzelne Autos in dem Gewusel und dem hohen Geräuschpegel sonst einfach nicht wahrnehmen würde (Anmerkung am Rande: Wegen dem hohen Grundgeräuschpegel sind hier in Indien auch die Mobiltelefone alle dreimal so laut wie in Europa, weil man sie sonst einfach überhören würde). Dazu kommt, dass es schier nicht vorherzusehen ist, wo als nächstes welches Gefährt auftaucht, um die den Weg zu schneiden. Wenn eine Straße in Indien durch einen weißen Streifen in zwei Spuren eingeteilt ist, heißt das, dass es dort praktisch etwa vier Spuren gibt. Schnell findet man heraus, warum die Außenspiegel an den meisten Autos eingeklappt sind: Der Abstand zwischen den „Spuren“ ist hier in etwa die Dicke der Zeitung von gestern. Als ich eine heute veröffentlichte Pressemitteilung lese, beschließe ich, dass es doch einen Versuch wert ist, meine Familie zum Anschnallen zu erziehen: Indien ist der traurige Spitzenreiter in Sachen Verkehrstoten (100.000 pro Jahr). „Verkehrsunfälle fordern mehr Todesopfer als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen, berichtet die BBC.“ Und: „Derzeit sind in Indien ein Fahrkurs und eine Prüfung zum Erwerb eines Führerscheins nicht nötig: Wer einen Führerschein braucht, kauft ihn. Stichproben unter LKW-Fahrern ergaben, dass die meisten die Verkehrsschilder und ihre Bedeutung nicht kennen.“

SOUND HORN (hier natürlich gerade verdeckt, weil ich es fotografieren will...)

An einem Abend, an dem ich mich diese Woche in meinen Laptop vertiefe, in dem alles nach klaren Regeln abläuft, normiert und standardisiert, ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein ist, kommt einer der Jungs runtergelaufen und sagt ich soll schnell hochkommen. Als ich oben ins Wohnzimmer komme, stehen dort etwa zehn Leute und singen Adventslieder für uns mit Gitarre und Trommel. Super Sache! Jetzt wo der Dezember angefangen hat, wird auch bei uns schon überlegt, wo wir den Weihnachtsbaum aufstellen. Ich bin schon gespannt, wie der aussieht. Nadelbäume gibts hier ja nicht.

Besuch der Adventssinger

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Die erste Arbeitswoche

November 21, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Als ich nach meiner 24 Stunden langen Busreise von Kundapura nach Ambattur (Chennai) meine Sachen anschaue, hat sich über alles ein leichter Kaki-Schleier gelegt (Kaki ist übrigens Tamil und heißt braun). Nach einer längeren Irrfahrt durch die Gassen der Vorstätte von Chennai komme ich schließlich an meiner neuen Arbeitsstelle an.

Unser Wohnhaus und PLANT-India-Büro

Im ersten Stock des Hauses wohnt meine Gastfamilie, während im Erdgeschoss die Büroräume von PLANT-India sind. John, mein Hausvater und Chef führt mich durch die Büroräume hindurch und zeigt mir ein Zimmer, das dahinter liegt. Darin stapeln sich massenweise Dokumente und anderer Krempel. Das hier wird dein Zimmer, das räumen wir heute noch für dich aus. Ich bin einverstanden, da das Zimmer doch überraschend geräumig ist,  Jein Bett, ein Schreibtisch, Licht und einen Ventilator besitzt. Doch da das Zimmer bis auf weiteres unbewohnbar ist, bietet mir John sein Bett an und dieses Angebot nahme ich dankend an, nachdem ich mich ausführlich unter der Dusche von Kaki-Staub befreit habe.
Die ersten drei Tage an der neuen Arbeit laufen sehr, sehr langsam an und so beschäftige ich mich damit, Tamil-Vokabeln zu lernen, Emails nach Hause zu schreiben und Zeit mit der Famile zu verbringen. Meine Gasteltern haben zwei Söhne (12 und 15 Jahre), die beide kleine Tausendsasser sind, Musik machen, malen, beide mehrere Sportarten beherrschen, sich mit Computern auskennen und auswendig Michael Jackson-Choreographien vortanzen können. Von letzterem bin ich so begeistert, dass ich mich sogar überreden lasse mitzutanzen und wir hüpfen zu dritt durchs Wohnzimmer. Mit traditionellem indischen Tanz hat das allerdings nicht so viel zu tun.
In diesen Tagen lerne ich aus drei verschiedenen unabhängigen Quellen Erstaunliches über die Tradition und Geschichte Indiens. Meine Gastmutter, ein Schulleiter um die Ecke und das Schulbuch eines der Söhne berichten, dass etwa 2000 Jahre vor Christus „Arier“ über eine Himalaya-Passage nach Indien gekommen sein und mit ihren Schriften (Vedas und Upanishaden) eine neue Ära eingeleitet hätten. Man sagt allerdings auch (das steht nicht im Schulbuch), dass diese Arier ihre Vorherrschaft und Elite-Stellung durch die Einführung des Kastensystems versucht haben sicherzustellen, das es zuvor in Indien nicht gegeben habe und eigentlich ganz un-indisch sei. Es geht sogar die Sage, dass diese Arier Juden gewesen sein, was für mich dann doch etwas befremdlich klingt. Ich nehme mir vor, bei Gelegenheit noch andere Inder danach zu fragen.

Gegen Ende der Woche geht es dann doch langsam mit meiner eigentlichen Arbeit los. Unter anderem begleite ich das Team zu einem Treffen der Groß-Fischer aus der Region Chennai, das sie mit organisieren. Der Leiter erklärt mir, das sei eines der letzten basisdemokratischen Arten von Treffen in Indien, da es auch nicht mehr so viele Gemeingüter gibt, sondern das meiste privatisiert worden sei. Wie ich später erfahre, liegt genau hier das Problem: Da das Meer mit seinen Fischen ein Gemeingut ist, schert sich auch keiner wirklich darum, diesen Lebensraum langfristig zu erhalten. Besonders die Fischer mit den großen Netzen, die einfach alles vom Meeresboden schürfen, interessiert es eher wenig, dass die Küstenregion für die Fischer mit kleineren Booten weiter von Fischen bewohnt werden kann, die sie fischen können. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich von dem Problem allerdings noch nichts und verstehe auch nicht, worum es innerhaltlich genau geht, da alle Beteiligten ausschließlich Tamil sprechen.

Fischerdorf und Müllentsorgung

Nachdem ich einige Berichte von PLANT studiert habe, bin ich schlauer und weiß nun auch, was diese Organisation tut: Sie betreibt gleichzeitig Forschung (hauptsächlich zum Ökosystem der Küsten vor Ort), implementiert Maßnahmen zur Lösung von Problemen, die sich daraus ergeben (z.B. künstliche Riffs als Lebensräume für Zooplankton) und geben dieses praktische Wissen wieder zurück zu den Menschen (vor allem den Benachteiligten in der Region). Dies ist also wesentlich angewandtere Forschung als man es an der Uni je haben könnte: Feldbesuche vor Ort machen, mit Hilfe von Wissenschaft und traditionellem Wissen der Leute vor Ort Lösungen entwickeln und diese dann umsetzen. Inhaltlich will sich PLANT allerdings nicht so richtig festlegen. Sie sind im Bereich Ökologie aktiv, beiteiligen sich aber auch am Aufbau von Kleinunternehmen, AIDS-Aufklärungsprojekten, Kinderheimen und Öko-Tourismus. Als ich meinem Chef sage, das sei schwer zu kommunizieren, weil man das Gefühl bekomme, die Organisation wisse nicht so richtig, was sie will, hält er mir entgegen, sie hätten eben einen ganzheitlichen Ansatz. Das Argument überzeugt mich zwar nicht völlig, aber es macht mich nachdenklich.

Treffen der Fischer

Am Wochenende brechen wir mit der Familie zu einer zweitägigen Pilgerreise zu einer 300 km entfernten Basilika auf (so weit ich verstanden habe, haben die Protugiesen die Basilika gebaut), die Mutter und die Kinder sind nämlich katholisch. Obwohl der Glaube der katholischen Kirche auf der ganzen Welt mehr oder weniger vereinheitlicht ist, sind mir einige der Traditionen fast so fern wie Indien. Während sich die beiden Jungs rituell die Haare scheren lassen und zusammen mit der Mutter der Prozession mit dem heiligen Schrein folgen, unterhalte ich mich wunderbar mit dem protestantischen Vater, der übrigens eine sehr, sehr interessante Geschichte hat, die ihn schießlich zur Gründung von FSL-India brachte. Aber davon werde ich später berichten. Als wir am Abend dann von der Basilika mit all dem Trubel drumherum aufbrechen und ich meinen Blick noch einmal über den Platz schweifen lassen, fällt meine Aufmerksamkeit auf ein großes Banner mit dem Papst: Außer mir der einzige Europäer, geschweige denn Deutscher auf dem Platz.

Your cut-hair will not be given back

Auf der Rückfahrt überlege ich ernsthaft, ob ich die Familie dazu erziehen soll, ihre Sitzgurte zu verwenden – sie wissen mit diesen Dingern offensichtlich überhaupt nichts anzufangen. Oder ist das übertriebener Sicherheits-Missionseifer? Schließlich erreicht man in Indien selbst auf der Autobahn eine Spitzengeschwindigkeit von nicht mehr als 90 km/h. Für den nächsten Blogeintrag sollte ich den indischen Straßenverkehr genauer unter die Lupe nehmen, der wirklich faszinierend ist, und mal auf die Unfallstatistik schauen.
Nun geht es aber erst mal in eine neue Woche voller interessanter Arbeit.

Einfuehrungswoche in Kundapura

November 12, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ob mir Indien gefällt, möchte einer der Freiwilligen wissen, mit denen ich gemeinsan die Einführungswoche verbringe. Das ist eine gute Frage. Ich höre mich selbst sagen: „I feel like a baby who sees everything for the first time, who doesn’t associate anything with those things it sees and just tries to search for certain orders.“ Das passt mit dem Kommentar eines anderen Freiwilligen hier zusammen, der sagt, dass Reisen jung hält.

am Flughafen

Einen Tag später fange ich jetzt aber doch schon an die Dinge, die ich sehe zu bewerten. Was mir hier (in Kundapura, im Süden an der Westküste; nach der Einführungswoche werde ich in Chennai gegenüber an der Ostküste sein) sehr gefällt, sind zunächst mal die vielen Palmen, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit draußen sitzen kann oder dass die Inder hier sehr freundlich sind. Sie sind keineswegs aufdringlich, wenn man als „weißer“ an den Geschäften vorbeigeht (was ich beispielsweise in Jerusalem so erlebt habe) und machen auch keine auffallend hohe Preise extra für „weiße“. Stattdessen kann man sich beinahe als ein normaler Mitbürger fühlen. Die einzigen Moment, wo man merkt, dass man hier als Europäer doch etwas anders gesehen wird als andere, sind, wenn man von Gruppen von Kindern spontan angelächelt wird, die sich sichtlich freuen, uns Exoten zu sehen. Was mir nicht gefällt, ist die Armut. Hier kann man einfachste, halb improvisierte Hütten direkt neben noblen villen sehen. Und die hygienische Sitation ist problematisch. Es gibt sehr viel Müll, kein Abwassersystem, etc.

Wohnviertel in Kundapura

Derzeit befinden sich alle neuen Freiwilligen von FSL-India, zu denen auch ich gehöre, in Kundapura für eine Einführungswoche. Auf dem Programm stehen unter anderem ein Crashkurs in der lokalen Sprache (für den Einsatzort Chennai, wo ich danach arbeiten werde, ist das Tamil), gegenseitiges Kennenlernen von Teilnehmern und FSL-Team, Informationen über die indische Kultur, ein Vortrag zur „Hindu pholosophy“ und eine Exkursion zum Shiva Tempel. Die meisten Mitarbeiter im FSL-Team, die vor Ort sind, sind übrigens Moslems, während die meisten Gastfamilien, die die Freiwilligen aufnehmen, Christen sind. Alles ist hier voll von Religion. Ein Grund dafür sei, dass andere Religionen für den Hinduismus, dem hier etwa 80 Prozent der Bevölkerung angehören, laut Mitarbeitern, kein Problem seien, er fordere im Gegenteil eher Moslems dazu auf, bessere Moslems zu werden, Christen dazu, bessere Christen zu werden, etc. Ich werde in den nächsten Monaten wohl noch genügend Möglichkeiten haben, zu erfahren, ob sich das bewahrheitet.

Während ich an diesem Abend durch Kundapur gehe, bekomme ich auf einmal für einen kurzen Moment heimische Gefühle. Ich bemerke, dass das wohl an dem Klang einer Kirchenglocke liegen muss, der aus einem Gebäude links von mir kommt. Dieses Gebäude scheint allerdings keine Kirche zu sein, sondern anscheinend ein hinduistischer Tempel, geschmückt mit Blumen und bunten Ornamenten. Eine große Menschentraube drängt sich bis draußen auf die Straße. Offensichtlich wird hier ein wichtiges Fest gefeiert, dass allerdings auch nur hier gefeiert wird, denn im Rest der Stadt herrscht normales Alltagstreiben. Zu den Glocken mischen sich dann auch Trommel-Rythmen. Ich will nicht starren und werde, da ich abgelenkt bin, auch beinahe von einem Rikscha angefahren, deshalb gehe ich weiter und ärgere mich später, dass ich niemanden gefragt habe, was das für eine Feier war. Über 250 verschiedene Feiertage gibt es übrigens in Indien – auch das haben wir in der Einführungswoche gelernt. Aber natürlich feiert nicht jeder jeden dieser Feiertage, sonst währe Indiens Wirtschaft sicherlich nicht so aufstrebend, wie sie es derzeit ist.

Kundapura

Ein weiteres Mal gehe ich durch die Straßen von Kundapura und erwische mich dabei, wie ich die Menschen auf der Straße plötzlich als eine Art feindselige Moskitos ansehe, die jederzeit auf mich zukommen könnten und mich aussaugen. In meiner linken Hosentasche befindet sich ein mit 13.000 Indischen Rupien (ca. 200€) prall gefülltes Portemonnaie- ein Teil des Geldes, das ich für die Versorgung, Versicherung, etc. an FSL zahlen muss – was mich anscheinend sichtlich nervös macht. Sogleich bin ich erschrocken darüber, wie schnell sich meine Wahrnehmung der Menschen um mich herum von Geld korrumpieren lässt. Und das, obwohl mir die wunderbaren Menschen in dieser Stadt mir bisher nicht den geringsten Anlass gegeben haben, mich vor ihnen zu fürchten. Sofort nehme ich mir vor, solche Ängste sein zu lassen, da es ansonsten wohl kaum möglich sein wird, den Leuten in meinem Projekt eine wirkliche Hilfe sein zu können.

Gruppenbild Freiwillige

Sonntag frueh um 6.00 Uhr geht es dann auf eine etwa 20-stuendige Busfahrt nach Chennai, wo ich dann meinen eigentlichen Einsatzort kennen lernen werde.

Es geht los

November 2, 2011 § 3 Kommentare

Morgen Nachmittag geht es endlich los nach Indien! Viele Leute haben mich gefragt, was ich da denn genau mache. Das ist eine sehr berechtigte Frage, die allerdings nicht ganz einfach zu beantworten ist. Dies sind zunächst die Fakten:

Ich leiste für 6 Monate einen Freiwilligendienst bei dem Projekt PLANT India („Participatory Learning Action Network and Training“) in Atrambur, ein Vorort von Chennai (früher Madras). Über die deutsche Organisation „Youth Action for Peace – Christlicher Friedensdienst e.V.“ habe ich mich über sehr viele mögliche Projekte weltweit informiert, bei denen man einen Freiwilligendienst leisten kann und dieses war von der Beschreibung her dasjenige, von dem ich das Gefühl hatte, mich dort am besten einbringen zu können.

Projektbeschreibung ist allerdings nicht gleich Projektbeschreibung. Die Beschreibungen, auf die YAP verweisen, befinden sich auf der Website von FSL-India („Field Service and Intercultural Learning“), wo das Projekt unter dem Titel „Eco Tourism“ vorgestellt und mit folgenden Arbeitsbereichen beschrieben wird:

  • Creating a database of information of the surrounding area
  • Training and working with the local community in order to involve them in active participation.
  • Raising environmental and cultural preservation awareness
  • Setting up and running the Eco Tourism project
  • Making a web site and promoting eco tourism as a form of livelihood for the local community.

The main fields of work are: art, traditional life, sights, environmental awareness, food, agriculture, industry, medicine, landscape, outdoor activities, religion, and spiritual experience. Each of those fields is divided into more sub fields. You will be working in a small team or individually to complete the database. The work will include site-based research therefore experience in this and the ability to write reports is needed.

In der Projektbeschreibung, die mir das Projekt vor Ort (PLANT India) gegeben hat, taucht der Begriff „Eco Tourism“ allerdings nicht auf. Stattdessen beinhaltet die Beschreibung vor allem die Renaturierung und Naturschütz an den Küstengebieten, den Aufbau künstlicher Korallenriffe und Firschbecken, um die Fischbestände wieder zu erhöhen. Allerdings, so die Aussage des Leiters der Einrichtung, könnte ich mich auch gerne in den anderen Arbeitsbereichen des Projektes beteiligen. Ganz allgemein geht es dabei darum, neue Beschäftigungsmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung zu erschließen und durch Bildung den Lebensstandard zu erhöhen.

Nimmt man all diese Beschreibungen zusammen, könnte meine Arbeit in dem Projekt so ziemlich alles mögliche umfassen. Ich hoffe vor allem, mit verschiedenen Beteiligten dort über die Aktivitäten sprechen zu können, zu netzwerken und die Kultur und die Natur vor Ort studieren und dokumentieren zu können. Meine erste Aufgabe wird wohl sein – soviel hat mir der Projektleiter schon verraten – nach den künstlichen Korallenriffen zu tauchen und Unterwasservideos davon zu drehen. Sobald es da etwas zu sehen gibt, lade ich sie natürlich hoch und lass es euch wissen.

Je näher der Abflug kommt, desto mehr Vorfreude kommt auf! All das Geld, das ich für die Aktion ausgegeben habe, für Impfungen, die Anschaffung einer ganzen Hausapotheke, die Flüge, die Unterkunft, etc. sind jetzt vergessen und ich freu mich einfach das, was kommt! Am 6.11. um 17:30 werde ich planmäßig in Chennai am Flughafen ankommen. Sobald ich dort einen Internetzugang finde, werde ich weiteres berichten.